Iran, Literatur, 2025, in Berlin
Nastaran
Makaremi
Die Schriftstellerin, Dichterin und Journalistin Nastaran Makaremi, 1978 geboren, zählt zu den gesellschaftlich engagierten Vertreterinnen der zeitgenössischen Erzählliteratur Irans. Allen Einschränkungen und der systematischen Repression seitens der Islamischen Republik in den vergangenen 46 Jahren zum Trotz ist es Frauen wie ihr gelungen, sich in den verschiedensten Bereichen Räume zu erkämpfen – qualitativ wie quantitativ.
Nach einem Studium der bildenden Künste unterrichtete Makaremi mehrere Jahre lang Miniaturmalerei und klassische iranische Kunst an Hochschulen in Teheran und Isafhan. Für ihre Erzählungen und Romane wurde sie in Iran und weltweit mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Bisher hat sie auf Persisch fünf Romane – Die Sackgasse des Ordibehesht (2015), Eine Abendgesellschaft nach der Beerdigung (2017), Die Bergamotte der Sonne (2017), Total (2020) und Die Schriften der Verwirrung (2023) –, zwei Kurzgeschichtensammlungen – Niemandem geht es gut (2014) und Rosa Staub (2018) – und den Gedichtband Höllische Bonbons (2020) veröffentlicht sowie einen Dokumentarfilm gedreht. Der Realismus ihrer Werke ist oft von Produkten der Fantasie und Träumen durchdrungen; eine klare Grenze zwischen beiden zu ziehen, ist kaum möglich – ähnlich wie in impressionistischen Gemälden.
Total, ihr bekanntester, mehrfach neu aufgelegter Roman, thematisiert die Ölindustrie der ressourcenreichen Regionen im Südwesten Irans. Er setzt sich mit der zerstörerischen Dynamik der Kolonialisierung auseinander – darunter der britischen und später der US-amerikanischen – und beleuchtet die Strategien, mit deren Hilfe Regierungen die durch das Öl gewonnene Macht für ihre Zwecke missbrauchen, um die Arbeiterschaft gefügig zu halten. Die Handlung ist von fantastischen Momenten durchzogen und reflektiert doch zugleich eine spezifische historisch-politische Realität. Das erste Kapitel des Romans, der in einem fiktiven Land namens Chanasir spielt, erzeugt eine magisch-mythologische Atmosphäre rund um die Entdeckung des Öls, das vom „Großen Schwarzen Fisch“, dem Hüter der heiligen Flüssigkeit, bewacht wird. Im zweiten Kapitel verliert diese magische Mythologie an Intensität zugunsten der individuellen Suche eines Mannes nach seinem verschollenen Vater und seiner eigenen, verkauften Seele. Das dritte und letzte Kapitel handelt von einem Mädchen in Teheran, das kurz vor ihrer Hochzeit erfährt, dass ihr Bruder im Süden ums Leben gekommen ist. Dieses Kapitel ist realistisch gehalten, spielt in der Gegenwart und schildert das Schicksal einer Bevölkerung, deren Existenz vom Öl zerstört wurde, ohne dass sie je ihren Lebensunterhalt daraus hätte beziehen können.
In Die Schriften der Verwirrung nimmt Makaremi, inspiriert von den Protesten um die Wasserkrise in Iran, auf wiederkehrende Geschehnisse in der Geschichte Bezug – Hungersnöte, die Spanische Grippe und ihre Wiederholung in Form von Wasserknappheit, Dürre und der Coronapandemie in der Gegenwart. Das Buch konnte wegen seiner detaillierten Darstellung der Proteste in Iran und der Repression seitens der Sicherheitskräfte nur im Untergrund veröffentlicht werden. Infolgedessen wurde die Autorin aus den offiziellen literarischen Kreisen Irans ausgeschlossen.
Die Kurzgeschichte Das besetzte Haus, eine Erzählung aus der Sammlung Rosa Staub, wurde auf der Webseite von Weiter Schreiben auf Deutsch veröffentlicht. Makaremi, die zu den Kriegsflüchtlingen des Iran-Irak-Krieges in Isfahan gehörte, behandelt in dieser Sammlung das Thema Krieg und Vertreibung – eine eindringliche Reflexion selbsterlebter Geschehnisse.
Text: Ali Abdollahi