Litauen, Musik & Klang, 2026, in Berlin
Lina
Lapelytė
Es mag etwas seltsam erscheinen, eine der renommiertesten Künstler*innen, Musiker*innen und Komponist*innen unserer Zeit nicht mit einer Aufzählung ihrer Erfolge, sondern mit der Erinnerung an einen vermeintlich unbedeutenden Moment vorzustellen. Aber diese kleine Szene bietet einen weitaus aufschlussreicheren Einstieg, wenn es darum geht zu verstehen, wer die 1984 in Kaunas, Litauen, geborene Lina Lapelytė ist, wie sie arbeitet und warum ihre Kunst so großen Anklang findet. (Auf ihre Auszeichnungen kommen wir später zu sprechen.)
Wir liefen durch ein Sumpfgebiet in Kleinlitauen. Harziger Duft strömte aus den Sumpfporstbüschen, die den Wegesrand säumten. Die Pflanze erinnert an wilden Rosmarin, der ein wenig schwindelig macht. Ihre Blätter streiften unsere Kleidung, während wir weitergingen – eine wilde Truppe von sechs Erwachsenen und ebenso vielen kleinen Kindern, die alle auf einen Aussichtsturm zusteuerten, der sich über den Sümpfen erhob. Dort angekommen, bot sich uns ein Ausblick auf ein weitläufiges Feuchtgebiet, das im Sonnenuntergang glänzte. Während ich noch außer Atem war, wandte sich Lina an die Kinder und sagte: „Vaikai – jetzt lasst uns alle eine Minute lang still sein. Hört mal hin.“
Diese Episode hatte sich ereignet, bevor der litauische Pavillon 2019 bei der 58. Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für Sun & Sea gewann, bevor es Einzelausstellungen bei Lafayette Anticipations gab, bevor öffentliche Skulpturen wie Copper Lick (2024) entstanden – ein monumentaler, parabolischer Klangkörper, der an der Isar in München installiert wurde, um die Glockentöne und Umgebungsgeräusche der Stadt einzufangen, zu verstärken und in einen öffentlichen Hörraum zu verwandeln –, bevor Einladungen zu Biennalen auf der ganzen Welt folgten, zuletzt zur Performa in New York. Doch dieser Moment bringt uns etwas Wesentliches in Linas Arbeit näher: ihre Aufmerksamkeit für ihre Darsteller*innen und für ihr Publikum, ihre Einstimmung auf den Ort und die Überzeugung, dass Zuhören – wirkliches Zuhören – der Schlüssel ist.
Lapelytės künstlerisches Schaffen, das Performance, Video, Film, Komposition, Skulptur und Installation umfasst, manifestiert sich in einem Œuvre, das den Übersehenen und Ungesehenen eine Stimme verleiht. Werke wie Currents/Instructions for the Woodcutters (das manuelle Arbeit und gesungene Anweisungen zu einer Meditation über die Ausbeutung von Ressourcen verbindet, 2021), What Happens with a Dead Fish? (ein verstörendes, auf einer poolartigen Bühne gesungenes Porträt des ökologischen Ungleichgewichts, 2021) und Sun & Sea (ein verschlafener künstlicher Strand, an dem sonnenbadende Menschen vom ökologischen Kollaps singen) setzen sich mit globalen Katastrophen auseinander, während andere Werke historisch marginalisierten Protagonist*innen Raum geben: Frauen, Kindern, Tieren. Wiederholt involvierte Lapelytė Menschen in ihre Praxis, die außerhalb der normativen Erwartungen von „gut“, „erfolgreich“ oder „angemessen“ liegen. Sie schuf ein Stück für Darsteller*innen, die keinen Ton halten können (Study of Slope, auch bekannt als The Mutes, 2024), ein anderes für Frauenstimmen, die als „zu tief“ gelten (Hunky Bluff, 2014), und ein weiteres für Körper, die als „zu alt“ (Pirouette, 2018), zu weiblich oder nicht weiblich genug angesehen werden. Ihre Kunst fordert unsere Wahrnehmung heraus und fragt, was und wen wir hören wollen – und was dabei ignoriert wird.
Häufig lädt sie Darsteller*innen ein, die nicht typischerweise in der Kunstwelt zu finden sind. In The Speech beispielsweise gibt ein Kinderchor fragmentarisches Heulen und Knurren von sich, was ohne Einsatz von Sprache die Grenzen des Sprechens aufdeckt, wenn ihm sein Erwachsenenschliff genommen wird.
Im Laufe der Zeit traten einige Referenzen in den Hintergrund – popkulturelle Motive, wie jene in Candy Shop (2013), kommen heute nur noch selten vor. Andere – insbesondere solche, die sich mit den Strukturen und Erwartungen der Musik selbst auseinandersetzen (Ladies, 2015, Hunky Bluff, Study of Slope) – prägen weiterhin ihre vielstimmigen Reaktionen auf akute Themen: Klimawandel, globale Angst, Erschöpfung. Auch wenn diese Themen schwer erscheinen, Lapelytės Antworten sind es nicht. Ihre jüngsten Werke – In the Dark We Play, Kosmiczny Dom (beide 2025) und ihre bevorstehenden Arbeiten in Eisenhüttenstadt sowie für die CHANEL Commission im Hamburger Bahnhof (2026/2027) – suchen nach Kollektivität und Sinn in einer Welt, die immer absurder und polarisierter wirkt. Sie konzentrieren sich auf flüchtige, unscheinbare Momente der Freude – kleine Episoden, die die Seele beruhigen und uns helfen, zuzuhören, in einen Sumpf hineinzuwandern und zuzulassen, dass die Welt sich auf sich selbst einstimmt.
Yana Foqué
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger