Brasilien, Bildende Künste, 2021, in Berlin

Guerreiro
do Divino Amor

Guerreiro Do Divino Amor: Supercarioca Superfictional Cosmogony (2016). Photo: Jaime Acioli

Seit 2005 entwickelt der schweizerisch-brasilianische Künstler Guerreiro do Divino Amor sein Projekt Superfiktionen (Superficções), mit dem er die Genese von Metropolregionen und Nationen untersucht und die zugrunde liegenden gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, religiösen, moralischen und kulturellen Einflüsse kritisch und oft auch ironisch beleuchtet.

Guerreiro do Divino Amor, der an allen von ihm fiktionalisierten Orten selbst gelebt hat, verknüpft persönliche Erfahrungen mit einer Art digitaler Archäologie und legt im undurchschaubaren Geflecht von Online-Material Ikonografien frei, die er sich aneignet und anschließend in Fabeln und Erzählungen überführt. Bislang sind Kapitel über Brüssel, Rio de Janeiro, São Paulo, Brasília, Belo Horizonte und die Schweiz entstanden, die nationale und lokale Geschichten sowie verschiedene Charaktere, Mythen, Archetypen, Erinnerungen und Fantasien zusammenführen und gemeinsam das superfiktionale Universum des Künstlers bilden.

Für all diese Kontexte nutzt Guerreiro primär das Medium Film, flankiert von Installationen, Publikationen und Tafeln. Mit opulenter Ästhetik und einer Fülle von Effekten und semantischen Beziehungen zeigen seine Werke die messianische Dimension der imperialistischen Ideologie und ihrer modernen Erscheinungsformen auf und werfen ein satirisches Schlaglicht auf deren Rechtfertigung als „zivilisatorisches Projekt“.

Mit Gespür für hegemonische Ambitionen und transnationale Verwerfungen ist Guerreiro do Divino Amor bestrebt, die Methoden von Kolonialismus, Kapitalismus, Dirigismus, Rassismus, Demokratie, Wissen, Religion, Medien sowie Unternehmen und anderen Organisationen wie z. B. kulturellen Institutionen offenzulegen, die für die Schaffung und Aufrechterhaltung von Ungleichheit in der Welt verantwortlich sind.

Beginnend mit dem ersten Kapitel (The Battle of Brussels, 2005) thematisiert Superfiktionen den ursprünglichen Krieg zwischen dem Superimperium und der Supergalaxie, die als allegorische Instanzen für widerstreitende Konzepte wie West/Ost, entwickelt/unterentwickelt, Mutterland/Kolonie und modern/archaisch stehen. Dem Künstler zufolge herrscht dieser Krieg zwischen „dichotomen Zivilisationen, die um die Vorherrschaft über den Raum und den menschlichen Geist kämpfen“. Während die Supergalaxie auf Grundlage „unkoordinierter Impulse“ agiert, ist das Superimperium eine „rationale Kampfmaschine, gesteuert von Superkonsortien“.

Bei der Aufdeckung und Hinterfragung (neo)kolonialer Tendenzen unterscheidet sich die ethische und politische Bedeutung der Superfiktionen von der „humanistischen“ Kritik im Sinne einer Verteidigung der „Opfer des Imperialismus“. Der Künstler verweigert sich der in Kunst und Anthropologie vorherrschenden ethnografischen Tradition, die den historisch als subaltern klassifizierten Menschen und Bevölkerungsgruppen mehr „Sichtbarkeit“ bzw. eine „Stimme“ verleihen möchte und die auf „den kulturell und/oder ethnisch Anderen“1 eingeht. Stattdessen geht der Künstler auf Abstand zum primitivistischen Fetisch der „leidendenLücke“2 und versucht, durch eine Umkehrung der ethnografischen Perspektive die rassistischen, ausbeuterischen, patriarchalen, umweltzerstörerischen, wissenszersetzenden und narzisstischen Kräfte zu entlarven, die dem „wohlmeinenden zivilisatorischen Projekt“ innewohnen.

Als Künstler mit sowohl europäischen als auch lateinamerikanischen Wurzeln befindet sich Guerreiro do Divino Amor auch in einem Prozess der Selbstreflexion bezüglich seiner Abstammung und seiner ererbten Privilegien. Diese nutzt er als Figur, um die historische Entstehung (neo)kolonialer Gewalt zu beleuchten. Als kritisches Projekt, das Fragen des Weißseins, des Eurozentrismus und des Ethnozentrismus verhandelt, nimmt Superfiktionen das Leben und die Identität des Künstlers als Ausgangspunkt und projiziert sie auf die Orte und Beziehungen, die ihn geprägt haben. Nun ist Deutschland an der Reihe.

Text: Clarissa Diniz de Moura
Übersetzung: Stefan Hollstein

(1) Hal Forster, “The artist as ethnographer”. In ders., The Return of the Real, Cambridge/Mass.: The MIT Press, 1996, S. 173.
(2) Joel Robbins, “Beyond the suffering subject: toward an anthropology of the good”. In Journal of the Royal Anthropological Institute, Bd. 19, Nr. 3, 2013, S. 448.

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