Schweden, Literatur, 2021, in Berlin

Athena
Farrokhzad

Foto: Carla Orrego Veliz

Die Dichterin, Dramatikerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin Athena Farrokhzad wurde 1983 in Teheran geboren. Ihre Eltern flüchteten vor dem Iran-Irak-Krieg und der Verfolgung Linker nach Schweden, wo Farrokhzad aufwuchs. Bereits ihr erster, auf Schwedisch veröffentlichter Lyrikband Vitsvit (2013) bescherte ihr mit Übersetzungen in 15 Sprachen herausragenden literarischen Erfolg. Heute gilt sie unumstritten als eine der brillantesten Stimmen skandinavischer Gegenwartsliteratur.

In Vitsvit (dt. Bleiweiß, 2019) findet die Autorin zutiefst aufrüttelnde Töne für transkulturelle Erfahrungsräume und Assimilierungszwänge seitens der weißen Mehrheitsgesellschaft. Das Be-Sprechen von Krieg, Migration, Rassismus, Revolution und Familie wird hier zur notwendigen Überlebensform. Zentrale Rolle spielt jedoch das Ungesagte und Unsagbare:

Meine Mutter ließ Bleichmittel durch ihre Syntax laufen
Auf der anderen Seite des Satzzeichens wurden ihre Buchstaben weißer

als ein Winter in Norrland

Reflexionen über ihr Werkzeug und das Medium Sprache sind in Farrokhzads Werk omnipräsent. Mehrfach analysiert sie die Tatsache, dass MigrantInnen neben zahlreichen Demütigungen oft auch noch die Sprachen ihrer UnterdrückerInnen nutzen müssen, um das eigene Trauma zu artikulieren. Mit Verweis auf die antiguanisch-amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid schreibt sie in Bleiweiß

Mein Bruder sagte: Um das Verbrechen zu verurteilen bleibt dir nur die Sprache der Verbrecher
und die Sprache der Verbrecher wurde erfunden um das Verbrechen zu rechtfertigen

Farrokhzad, seit ihrer Jugend in (queer-)feministischen und anti-kapitalistischen Bewegungen aktiv, positioniert sich im poetologischen Gespräch stets als „Agent*in der Schönheit für die Revolution“, die trotz (und mit) der in Sprache immanenten Gewalt poetische Schönheit kreiert, in der sowohl das Wilde, Verstörende als auch das Hässliche Platz findet. Für Farrokhzad „lässt sich diese Schönheit mit Berührung übersetzen“. Sie begreift ihr Schreiben als kollektiven Akt, vergleichbar mit der Choreografie eines Tanzensembles oder Theaterstücks, sieht die Lektüre und Übersetzung anderer literarischer Stimmen (u. a. Adrienne Rich und Audre Lorde) als Ausgangspunkt ihres Schreibens.

So ist ihre neuste Gedichtsammlung I rörelse (2019) konsequenterweise von Richs Gedicht „North American Time“, von Schwedens vielleicht bekanntestem Gedicht „I rörelse“ (dt. „In Bewegung“) der lesbischen Sozialistin Karin Boye sowie von „Schreibaufträgen“ verschiedener politischer Bewegungen inspiriert. In Bewegung zwischen Individuum und Kollektiv, Tradition und Erneuerung schlägt Farrokhzad hier eine neuartige Poesie vor, die einerseits das aktuelle Vordringen des Faschismus und diskriminierende kapitalistische Ordnungen thematisiert, anderseits ebendiese politische Gegenwart selbst poetisiert und maßgeblich mitgestaltet. Im in I rörelse enthaltenen Langgedicht „Offener Brief an Europa“ heißt es (in der Übersetzung von Clara Sondermann):

Europa, wann wirst du in Rente gehen?
Wann wirst du deine Kleider ausziehen?
Wann wirst dir aus deinem eigenen Grab entgegenblicken?
Wann wirst du den Millionen von Gastarbeitern Würde erweisen?
Europa, warum sind deine Bibliotheken voller Tränen? (…)
Europa, Worte können sein wie kleine Dosen Arsen.

Text: Rike Scheffler

Vitsvit
Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 2013

White Blight
Argos Books, Central Milton Keynes, 2015 (Ü: Jennifer Hayashida)

Trado (with Svetlana Carstean)
Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 2016

I rörelse
Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 2019

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