Kenia, Film, 2025, in Berlin
Wanjiru
Kinyanjui
2022 wurde Wanjiru Kinyanjuis Kurzfilm A Lover & Killer of Colour (1988) in der Sektion „re-selected“ der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen gezeigt; er war Teil des von mir kuratierten Programms „On All Fronts“, das von einer hypothetischen Prämisse ausging: Welche Filme von Schwarzen Autor*innen hätten in das Programm „Konfrontation der Kulturen“ in Oberhausen 1993 aufgenommen werden können.1 Im darauffolgenden Jahr wurde ihr erster Spielfilm, Der Kampf um den heiligen Baum (1995), im Rahmen von „Fiktionsbescheinigung“ gezeigt, einer Forum-Special-Retrospektive der Berlinale, die sich auf die Arbeit Schwarzer Regisseur*innen und Regisseur*innen of Color in Deutschland konzentrierte .2 Beide Filme zeichnen sich durch eine einzigartige Beschäftigung mit dunkler Haut in Szenen mit wenig Licht aus. Ihre Kinematografie setzt sich so kritisch wie innovativ mit der standardisierten Bildsprache der Kamera auseinander – einem kolonialen Konstrukt, das neu interpretiert werden muss, um wirkungsvoll mit Schwarzer Haut zu „interagieren“.
Während diese Vorführungen für das europäische Publikum wie eine „Entdeckung“ erscheinen mögen, ist Kinyanjuis Arbeit in Kenia weithin bekannt, und ihre Filme werden seit Jahren auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gezeigt. In ihrer Funktion als Dozentin, früher an der Kenyatta University und heute an der Multimedia University, hat sie zahlreiche Studierende betreut, die zur Bewegung des unabhängigen Films in Kenia beigetragen haben. 2023 wurde Kinyanjui von den Women in Film Awards (WIFA) Kenia als „Most Influential Woman Filmmaker“ ausgezeichnet. Die „Ausgrabung“ von Kinyanjuis deutschen Filmen ist eine Fallstudie über die notwendige Konservierung und Pflege von Filmen, die im Schatten der überwältigenden nationalen Kontexte in europäischen Archiven verloren gehen.
In einem Interview mit der Weltorganisation für geistiges Eigentum der Vereinten Nationen (WIPO) 2010 sprach Kinyanjui offen darüber, wie wichtig es für Künstler*innen ist, ihre eigenen Urheber*innenrechte zu behalten: „Man sollte immer wissen, wann und wo und in welchem Kontext das eigene Produkt gezeigt wird, und man sollte dafür bezahlt werden.“ Das war bei Kinyanjuis studentischen Produktionen in Deutschland nicht immer der Fall.
Kinyanjui wurde als Tochter zweier Lehrer*innen im Dorf Kanyore im Kiambu County in Kenia geboren. Nach dem Abschluss der Highschool in Kenia erwarb sie das International Baccalaureate am United World College in Victoria, British Columbia, Kanada. Als sie ihren älteren Bruder besuchte, der in Deutschland studierte, kam sie auch nach Berlin und beschloss zu bleiben. Sie studierte Anglistik und Germanistik und erwarb schließlich einen Magisterabschluss an der Technischen Universität Berlin. Angetrieben von ihrer Leidenschaft für das Theater bewarb sie sich 1987 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), um Film zu studieren. Im zweiten Jahr ihres Studiums begann Kinyanjui, Kinderfilme für Karfunkel, eine Fernsehserie des ZDF, zu produzieren.
Neben ihrer Arbeit als Filmemacherin schrieb sie auch Gedichte, die unter anderem in folgenden Publikationen veröffentlicht wurden: in afro look, einem Schwarzen deutschen Magazin, das in den 1980er und 1990er Jahren von der bildenden Künstlerin Ricky Reiser herausgegeben wurde; in Aufenthalt. Collagen einer Stadt (einer Anthologie mit Gedichten und Kurzgeschichten internationaler Autor*innen, die von Kinyanjui, Hedi Schulitz und Alexandra Magk herausgegeben und 1988 im Verlag Das Arabische Buch veröffentlicht wurde) sowie in einer von ihr mitkuratierten Lyrikanthologie mit dem Titel I beg the Lord not to hear, die 1989 bei Aufbruch Presse erschien. Kinyanjui nahm an einer Schreibwerkstatt unter der Leitung von Audre Lorde teil und besuchte ein Seminar mit Katharina Oguntoye; dies waren prägende Erfahrungen, die die afrodeutsche Community und ihr transnationales politisches Engagement in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren maßgeblich bestimmten.
Während ihres Studiums drehte Kinyanjui Kurzfilme, die sich mit den intersektionalen Herausforderungen des Antirassismus gegenüber Schwarzen Menschen in Deutschland auseinandersetzen. Anhand von Interviews mit Kommiliton*innen, darunter Tsitsi Dangarembga, greift ihr Film Black in the Western World (1992) den hinterhältigen Charakter eurozentrischer Ideologien an, die deutsche Werbung, Kinderreime und Urteile über afrikanische Kunst durchdringen. A Lover & Killer of Colour begleitet eine Schwarze Malerin (gespielt von Alida Babel) durch die dunklen Straßen Berlins zu ihrem Atelier. Der Film wurde zu den bereits erwähnten Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, zum Mumbai Short Film Festival, zum Uppsala Short Film Festival und zum Chicago Short Film Festival eingeladen. Der Kampf um den heiligen Baum, Kinyanjuis Abschlussprojekt, ist ein kenianischer Film nach einer Kurzgeschichte von Barbara Kimenye; im Mittelpunkt des Films steht Mumbi (gespielt von Margaret Nyacheo), ein Mädchen aus der Stadt, das in ihrem Heimatdorf Zuflucht sucht und sich gegen christliche Eiferer zur Wehr setzt, die die traditionellen Bräuche abschaffen wollen. Der Film wurde auf dem Panafrikanischen Film- und Fernsehfestival von Ouagadougou (FESPACO) uraufgeführt und auf mehreren Festivals gezeigt, unter anderem auf dem Mill Valley International Film Festival. Er gewann den Black Filmmakers Hall of Fame Award für den besten ausländischen Film in Oakland, Kalifornien. Auf dem Internationalen Frauenfilmfestival von Créteil eröffnete er die Sektion „African Special“.
Nach ihrem Studienabschluss in Deutschland lieferte Kinyanjui von Kenia aus weiterhin Beiträge für das ZDF. Gemeinsam mit in Deutschland lebenden Kolleg*innen arbeitete sie an dem Kollektivfilm Trading Images (2001), der in Kooperation mit Brigitte Krause, Lynn Hershman Leeson, Suma Josson, Casey Chan und Yōko Tawada entstand. Ebenfalls kollektiv drehte Kinyanjui mit Bridget Pickering und Ingrid Sinclair Africa Is a Woman’s Name (2009). Dieser Dokumentarfilm über Frauen, die den Kontinent verändern – darunter die kenianische Anwältin/Politikerin, die das Gesetz über sexuelle Straftaten ausgearbeitet hat –, wurde von Cristina López-Palao produziert.
Kinyanjui betrachtet den unabhängigen, lokal gedrehten Film ebenso als Mittel zur Armutsbekämpfung wie als wesentliche Kunstform der mündlichen und visuellen Erzählkultur Afrikas. Während ihres Aufenthalts in Berlin arbeitet sie an zwei Drehbüchern für Spielfilme. Durch ihren Fokus auf frauenzentrierte, transnationale Geschichten erweitert sie die Sprache des Kinos von einer monolingualen zu einer polyglotten Perspektive.
Karina Griffith
Übersetzung aus dem Englischen: Good & Cheap Art Translators
1 „On All Fronts“ wurde von Karina Griffith auf Einladung von Tobias Herring kuratiert. Siehe Anne Fiehn und Christian Lailach (Hg.), 68. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen: 30.4.–9.5.2022 = 68th International Short Film Festival Oberhausen (Oberhausen: Karl Maria Laufen, 2022), S. 320–23.
2 Weitere Informationen zur dritten und letzten Ausgabe der „Fiktionsbescheinigung“ siehe Cristina Nord et al., „‚Für manche Filmemacher*innen ist zu viel Zeit verstrichen‘“, Berlinale Forum und Forum Expanded – Supplément (2023), abgerufen am 10. Juli 2025, https://www.arsenal-berlin.de/forum-forum-expanded/supplement/detailseite-supplement/fuer-manche-filmemacherinnen-ist-zu-viel-zeit-verstrichen/.