China (VR), Bildende Künste, 2026, in Berlin
Wang
Tuo
Wang Tuos Werke sind ein Seismograf der unterirdischen Kräfte, die den historischen Wandel in Ostasien vorantreiben, dessen Gesellschaften zwischen Vormoderne und Postmoderne gefangen sind – eine Verstrickung, die allzu oft sehr undifferenziert wahrgenommen wird.
Mit Nordostchina als Ausgangspunkt untersucht die episch anmutende Reihe Northeast Tetralogy (2018–21) zentrale soziohistorische Aspekte der Region: das unvollendete Projekt der Modernisierung Chinas, das 1919 mit der Bewegung des Vierten Mai begann; die ungelösten geopolitischen Probleme Nordostasiens, die unter anderem durch den Bürgerkrieg zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei entstanden sind; und die Nachwirkungen dieser Geschichte in der sozialen Realität von heute. Was diese Stränge miteinander verbindet, ist das anhaltende Dilemma, mit dem chinesische Intellektuelle konfrontiert sind – gefangen zwischen gegensätzlichen politischen Extremen und zerrissen zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Ideal einer Gesellschaft als kollektivem Projekt.
Ähnlich intensiv, aber auf die Gegenwart fokussiert, basiert The Second Interrogation (2022) auf Wangs Beobachtungen zur Überwachung der Kunstwelt Chinas: Er inszeniert eine dialektische Beziehung zwischen einem Künstler und einem Zensor, um die Spannung zwischen negativer und positiver Freiheit zu untersuchen. Intensity in Ten Cities (2025) und das frühere Werk Obsessions (2019) kehren zur Geschichte der modernen Architektur in China zurück. Wang legt verborgene Wahrheiten, unterdrückte Emotionen und Sexualität frei, zeigt, wie die inneren Strukturen der Architektur der sozialistischen Ära das kollektive Unbewusste Einzelner und der gesamten Nation widerspiegelten und prägten.
Um von ihm vermuteten tieferliegenden Gründen nachzugehen, seziert der Künstler persönliche und kollektive Geschichte so intuitiv wie methodisch: In Obsessions, wo sich ein Patient selbst für den Teil einer Architektur hält, dienen Hypnose und Psychotherapie als Methode, um Zugang zum Unbewussten zu erhalten. Für The Northeast Tetralogy entwickelte Wang das Konzept der „Pan-Schamanisierung“, einen Prozess, bei dem der Körper zum Medium des historischen Bewusstseins wird. Dieser Vorgang verläuft nicht linear, sondern wird von der Intensität unerklärlicher Auseinandersetzungen geleitet. Ein Gefühl des historischen Deliriums entsteht, dem man sich kaum entziehen kann.
Dieser Strang künstlerischer Untersuchungen fällt in eine Zeit, in der das Postulat vom „Ende der Geschichte“ als endgültig diskreditiert gelten kann. Der intellektuellen Tradition Alexandre Kojèves zufolge, die Francis Fukuyamas berühmter These vorausging, endet die Geschichte, wenn die Menschheit das Projekt der Selbsterkenntnis und Selbstschöpfung vollendet und sich von der Knechtschaft der Selbsterhaltung befreit hat. Das Ende der Geschichte ist sozusagen ein „vermittelter Selbstmord“, eine wahnhafte und erdrückende Vision, die sich einer postmodernen Sensibilität der endlosen Dekonstruktion, Umschichtung und Zerfaserung stellen muss, die jedes – in die Zukunft gerichtete – Unterfangen sorgfältig vermeidet.
Es gibt eine Perspektive, aus der einen nichts mehr überrascht. Diese Perspektive nehmen diejenigen ein, die nie ganz in der hyperentwickelten Moderne angekommen sind, aber dennoch versuchen, ihre wichtigsten Elemente nicht aus den Augen zu verlieren; jene, für die die Kraft des Angelus Novus seit Langem spürbar ist. Wang Tuos Werke erlauben uns einen Blick auf die Kräfte, die die Geschichte vorantreiben und wie seismische Erschütterungen übertragen werden, während sich Zeitlichkeiten überlagern und der kollektive Kampf um einen Horizont jenseits der Selbsterhaltung unterhalb der Schwelle des Ausgesprochenen brodelt.
Mi You,
Kuratorin und Professorin im Fachgebiet Kunst und Ökonomien an der Universität Kassel, arbeitet u. a. zu performativer Philosophie sowie zu politischen Theorien Eurasiens.
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger