Japan, Musik, 1976

Toshi
Ichiyanagi

Obwohl die Einladung durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD bereits zwei Jahre zuvor erfolgt war, konnte der in Tokio lebende Toshi Ichiyanagi (geb. 1933 in Kōbe) sein Stipendium erst im April 1976 antreten und in Berlin auch nur für ein halbes Jahr bleiben. Die Gründe für diese Verzögerung sind vor allem auf die vielfältigen Tätigkeiten des Japaners zurückzuführen, der parallel zu seinem eigenen Komponieren in die Rolle des Organisators von Konzertveranstaltungen mit elektronischer und elektroakustischer Musik schlüpfte und als Kurator von Ausstellungen nicht nur mit bildender Kunst, sondern insbesondere mit Klanginstallationen beschäftigt war, die zumeist im Seibu Museum oder am Seibu Theater in Tokio stattfanden. Ichiyanagi war als Musikkurator zudem an der Expo ´70 in Osaka beteiligt, auf der unter anderem Intermedia-Veranstaltungen der Künstlergruppe Gutai zu erleben waren, mit der Ichiyanagi bereits zuvor zusammengearbeitet hatte.

Ähnlich vielgestaltig wie Ichiyanagis kulturelles Engagement erweist sich in den frühen 1970er Jahren auch sein Œuvre. Es entstanden Solo- und Kammermusikstücke, die für das westliche Instrumentarium konzipiert wurden, aber auch für traditionelle japanische Instrumente, und es gab Mischformen, in denen es zu Kontrasten und Verflechtungen zwischen östlichen Musiktraditionen und der westlichen postseriellen Avantgarde kam. Zugleich beschäftigte sich Ichiyanagi mit der elektronischen und der elektroakustischen Musik, und war in den Bereichen Improvisation, Musiktheater und Filmmusik aktiv.

Darüber hinaus entstanden in der ersten Hälfte der 1970er Jahre Klavierstücke, bei denen der Einfluss beziehungsweise die individuelle Anverwandlung der amerikanischen Minimal Music der 1960er Jahre eine Rolle spielt. Nach Piano Media von 1972 komponierte Ichiyanagi im Jahr seines Berlin-Aufenthalts das ähnlich konzipierte Time Sequence, ein technisch hochanspruchsvolles Stück des studierten Pianisten, das mit seinen repetitiv angelegten, schnellen Läufen und seiner maschinell wirkenden Faktur an das Cembalostück Continuum (1968) von György Ligeti erinnert. Eine weitere im Jahr 1976 entstandene Komposition für Tasteninstrument ist das Orgelstück Multiple Spaces, das von Gerd Zacher am 25. Mai 1976 beim Pro Musica Nova Festival in Bremen uraufgeführt wurde.

In Berlin fanden während Ichiyanagis Anwesenheit zudem zwei Konzerte statt, in denen jeweils auch ein Stück von ihm präsentiert wurde. Am 3. Oktober 1976 präsentierte das Tokk-Ensemble aus Tokio im Rahmen des zweiten Metamusik-Festivals in der Neuen Nationalgalerie die Uraufführung seines drei Jahre früher entstandenen Werkes Music For Living Process. Das Stück entstand für zwei Tänzer und fünf Instrumentalisten, wobei der Klang der Shakuhachi mit zufallsgesteuerten und auch mit improvisierten Impulsen verknüpft ist, die von Harfe und Violine erzeugt werden. Der Titel des Stückes ist mit einem Topos von John Cage verbunden, bei dem Toshi Ichiyanagi in den späten 1950er Jahren in New York studiert hatte: Music For Living Process will auf Basis einer grafischen Partitur den Klängen mehr Eigenexistenz zubilligen und versteht den Komponisten weniger als Kontrollinstanz denn als Initiator eines lebendigen Prozesses.

Ähnlich variabel angelegt ist auch Ichiyanagis Komposition Arrangements aus dem Jahr 1972, die im Rahmen eines weiteren Metamusik-Konzerts von der japanischen Perkussionistin Sumire Yoshihara am 12. Oktober 1976 präsentiert wurde.

Darüber hinaus war Toshi Ichiyanagi auch bei der letzten Ausgabe des Metamusik-Festivals mit dabei, wo im Oktober 1978 sein musiktheatralisch angelegtes Stück Perspectives zur Aufführung kam.

Text: Thomas Groetz

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