USA, Bildende Künste, 2025, in Berlin
Sage Ni'Ja
Whitson
Denken wir ein bisschen über Zeremonien nach, bevor wir uns auf diesen Tanz einlassen. Wie sollen wir uns auf etwas vorbereiten, auf das man sich nicht vorbereiten kann? Wie treten wir überhaupt zueinander in Beziehung? Wie können wir in square circle tanzen, in einem quadratischen Kreis, wie ihn Stevie Wonder besingt?
Solche Fragen liegen mir am Herzen, seitdem ich zum ersten Mal zwei Körper sah, die die Flure und Treppen des Abron Arts Center in Lower Manhattan hinuntertanzten. Wir folgten ihnen in zweiter Reihe und fanden einen Falz, durch den wir uns in und durch die engen Räume entfalten konnten.
War dies eine Zeremonie? Für mich schon. Ich fand die Worte brother to brother – Worte, die erstmals an mich gerichtet wurden, als ich mich an der Schwelle zum Mannsein befand, auf der Suche nach meinem eigenen Gefährten. Genau in diesem Moment lösten sich diese Begrifflichkeiten und verband(elt)en sich auf einem frisch bestellten Feld guten Fleischs. Eine Befreiung der Körper aus dem gewaltvollen Bezug zu Gender – was eine ungeheuerliche, glühende Berührung entfachte.
Später benutzten wir Selfie-Sticks und das Internet, um eine schwarze Parade zu arrangieren, die mir Gottesfurcht einflößte. Wir fingen mit Black Performance Studies an und hörten mit Black Performance Studies wieder auf.
Whitson inszenierte dieses Experiment des unarriving, des Nicht-Ankommens, wie Whitson es nennt. Wann immer und wo immer wir eintreten, tritt unser Schwarzsein mit uns auf. Whitson betreibt ein ständiges Spiel mit der Dunkelheit der Schwarzheit innerhalb und gegen den düster leuchtenden Schrecken der Unmittelbarkeit.
Dort drüben, so habe ich gehört, lieben sie dieses Fleisch nicht, dieses Blitzen, diese duftende Luft unserer grounation. Also wenden wir uns ab und kehren in die Dunkelkammer zurück. Nachts kommen wir zum Spielen heraus, um unter den mondsüchtigen Sternen zu tanzen, die unsere Namen und unsere Sorgen nicht zählen.
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Whitsons visuelle Praxis konzentriert sich auf „The Unarrival Experiments“, eine fortlaufende Arbeit, die dunkle Materie und dunkle Energie als konzeptuelle Portale nutzt, um Schwarze und Trans-Verkörperung ebenso zu erforschen wie einen unzeitigen Tod und das, was der*die Künstler*in „vaporous body“ nennt, einen dampfförmigen Körper. Whitson kreiert mit Installation, Performance und Extended Reality (XR) Werke, die die Verbindungen zwischen Astrophysik, Kosmologie und den Mysterien des Seins aus einer Schwarzen, Queeren und Trans-Perspektive untersuchen. Jüngere Arbeiten, wie Transtraterrestrial – eine „Live-Performance-Installation zur Intensivierung der Dunkelheit“ – verbinden die Yoruba-Kosmologie mit Astrophysik und Forschungen zum „schwärzesten Schwarz“ und schaffen damit Räume, in denen Wissenschaft auf spirituelle Praktiken trifft. Whitson beschreibt diesen Ansatz als „Antidisziplinarität“. Er zeigt sich an der entscheidenden Stelle, an der sich das Sakrale und das Konzeptuelle überschneiden, greift auf Wissenschaft, Technologie und bildende Kunst zurück, um die ungekannten Kräfte zu untersuchen, die das Universum genauso bestimmen wie Erfahrungen von Schwarzen und Trans-Personen. Diese Forschung setzt sich in experimenteller Literatur fort, die 2025 bei Wesleyan University Press unter dem Titel Transtraterrestrial: Dark Matter and Black Divinities erscheint.
Text: Tavia Nyong’o
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger