Ghana, Bildende Künste, 2026, in Berlin
Martin
Toloku
2019, kurz bevor sich die Welt in sich selbst zurückzog, traf ich Martin Toloku zum ersten Mal. Ich befand mich anlässlich einer Forschungsreise in Ghana, genau zu der Zeit, als das Chale Wote Street Art Festival stattfand, das Accra zu einer besonders durchlässigen, aufgeladenen und experimentierfreudigen Stadt macht. In jenem Jahr trat Martin im James Fort auf. Die alte Kolonialfestung an der Küste ist durch eine Geschichte von Gefangenschaft, Handel, Gewalt und Zwangsmigration geprägt. Martins Performance war Teil eines Programms, das von der ghanaischen Künstlerin Va-Bene Elikem Fiatsi, auch bekannt als crazinisT artisT, kuratiert und ko-konzipiert worden war. Die sich selbst als gender-nonkonform beschreibende, multidisziplinäre Künstlerin und Leiterin der perfocraZe International Artist Residency (pIAR) in Kumasi war zu dieser Zeit Martins Mentorin.
Die mehrstündige Performance war bestechend schlicht: Martin lag die gesamte Dauer über in einem Sarg aus ausrangiertem und von Termiten zerfressenem Holz. Es fand kein Schauspiel im herkömmlichen Sinn statt. Anstelle eines dramatischen Crescendo baute sich im Lauf der Zeit durch die Reglosigkeit und beharrliche Präsenz des Schwarzen männlichen Körpers, der sich in einer mit Tod und Verwesung assoziierten Konstruktion befindet, Bedeutung auf – ein Werk, das sowohl dem Publikum als auch dem Künstler Geduld abverlangte.
Durch seine Familie in Ghana erlernte Martin die Schnitzkunst. Von einer intimen Auseinandersetzung mit dem Material Holz entwickelte er seine künstlerische Praxis hin zu einer umfassenderen skulpturalen und performativen Sprache von Zeichen und Gesten, die ortsgebunden sind und in Erinnerungen wurzeln. Holz ist für ihn niemals neutral. Es birgt die Spuren von Arbeit, Architektur, Landnutzung und Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Dieses Verständnis von Material als gelebter Geschichte konkretisierte Martin, als er mir im Oktober 2025 von seinem Umzug nach Europa erzählte: „In Ghana zu arbeiten, ist etwas ganz Anderes, denn die meisten Materialien dort haben einen direkten Bezug zu meiner Kultur und meinen Wurzeln.“ In Europa ist diese unmittelbare Verbindung gekappt. Anstatt mit diesem Bruch zu hadern, machte Martin ihn sich zunutze und suchte nach Objekten, die ein langes, komplexes Eigenleben hinter sich hatten. Alte Balken, Holz aus abgerissenen Gebäuden, Materialien, die von Migration und Arbeitsökonomien geprägt waren, bildeten die Grundlage, auf der er wieder Verbindung herstellen konnte. Wie er es ausdrückte: „Am besten ist es, Gemeinsamkeiten und Geschichten zu finden, die mir eine Rückbindung an mich selbst ermöglichen.“
Diese Fragen hat er seither über verschiedene Geografien und Disziplinen hinweg zu einer neuen Ausdrucksform weiterentwickelt: Mut@tion (2023), eine in Europa entstandene Langzeitperformance und Installation. Inspiriert von Bestattungsriten, weiteren rituellen Praktiken und der alltäglichen Choreografie der Amsterdamer Fahrradkultur nutzt die Arbeit den Körper gleichermaßen als Maschine und Opfergabe. Martin verwendet ein zum Leichenwagen umfunktioniertes Lastendreirad, das seinen bewegungslosen Körper von seiner Wohnung ins Atelier bringt. Diese Prozession verwischt die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum, Diesseits und Jenseits, Bewegung und Stillstand.
Die langsame Begräbnisprozession durch die Straßen der Stadt unterbricht den Alltag, stört die reguläre Nutzung des öffentlichen Raums und verwandelt die Fortbewegung in ein Ritual. Die Geste ist hier nicht dekorativ, sondern strukturell: Die Reglosigkeit des Körpers, die gelenkten Bewegungen der anderen Performer*innen und die Umgestaltung des Fahrrads verkörpern ästhetische Akte, die vorübergehend die soziale Ordnung stören. Damit reiht sich Martins Arbeit in eine Tradition afrikanischer performativer Praktiken ein, in denen Grenzüberschreitungen nicht um ihrer selbst willen erfolgen. Vielmehr stellen sie einen notwendigen Mechanismus dar, durch den soziale Bedeutung neu verhandelt, verkörpert und im Kollektiv bezeugt wird.
Was Mut@tion mit der Performance bei Chale Wote verbindet, ist Martins anhaltendes Interesse an zeitlicher Ausdehnung, Ausdauer und Fürsorge. Seine neueren Arbeiten sind zunehmend kollaborativ und beziehen mehrere Performer*innen ein, die den Körper durch den Raum führen, als Zeug*innen und Unterstützer*innen agieren. Doch auch innerhalb dieser kollektiven Strukturen bleibt Verletzlichkeit ein zentrales Thema.
Jareh Das
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger