Taiwan, Bildende Künste, 2026
Ciwas
Tahos
Ciwas Tahos, auch bekannt als Anchi Lin 林安琪, arbeitet als Künstlerin mit leiser Beharrlichkeit. Ihre Praxis tritt nicht laut auf, und doch entfaltet sie eine beständige Anziehungskraft – aufmerksam, selbstbestimmt und kollaborativ. Ciwas, die Atayal- und Hō-ló-Vorfahren aus Taiwan hat, bewegt sich zwischen Performance, Bewegtbild, Cyberspace, Keramikobjekten und feldforschungsbasierten Gesten in den Bergen. Man begegnet einer Künstlerin, die genau zuhört, bevor sie handelt, und die Weltanschauungen der Tayal[1] in Formen einwebt, die von Bewegung und Beziehung geprägt sind.
Ciwas’ Werk konzentriert sich auf den Körper, der als Sensor fungiert, als Relais zwischen Land, Sprache und Infrastruktur. In ihren Worten: „Mich interessiert, wie sich der Körper erinnert und wie er weiterlernen oder sich etwas neu aneignen kann.“ Ihr Körper wird zum spannungsgeladenen Ort, vermittelt zwischen Indigenen Kosmologien und der Geschichte der Siedler*innen. Auf diese Weise vermag er, die Reibungen zwischen überliefertem Wissen und jenen Systemen auszuhalten, die es wiederholt zu überschreiben versucht hatten.
Nach ihrer Ausbildung in Taipeh und Vancouver erweiterte sie ihre Praxis durch künstlerische Kollaborationen im indopazifischen Raum und nähert sich mehr und mehr den Erkenntnisweisen der Tayal an. Diese Hinwendung erfolgte behutsam und stetig. Erst nach ihrer von Mandarin dominierten Schulbildung begann Ciwas, Squliq Atayal zu lernen, einen der sechs wichtigsten Atayal-Dialekte. Die Atayal-Sprache transportiert eine Ökologie des Körpers: Viele Begriffe für Körperteile benennen zugleich landschaftliche Formationen. hbun bezeichnet sowohl die Brusthöhle als auch eine Flussmündung; kalaw kann Rippe wie Bergrücken meinen; l’ux Schienbein wie Abhang; qolu Hals wie Kreuzung; punga Bauchnabel wie Felshöhle. Diese sprachlichen Verflechtungen vermitteln eine relationale Ontologie, in der Anatomie und Territorium ineinandergelegt sind und Identität in einem sich wandelnden Ortsbezug verankert wird.
Zu den Ältesten, von denen Ciwas lernt, gehört Yumin Masaw aus der Xikou–Community. Er gibt weiterhin sein Wissen über das Auffinden und Verfolgen wilder Bienen weiter – eine Praxis, die ausschließlich durch verkörperte Überlieferung existiert, ungeschrieben, unskizziert und untrennbar mit den Pfaden des Gebirges verbunden. Diese Überlieferung fließt direkt in Ciwas’ Werk ein, das sich Strategien des Aufspürens, Beobachtens und manchmal auch Verdeckens zu eigen macht.
Bienen gelten im Übrigen als Wächterinnen über die Temahahoi – einer Überlieferung zufolge eine Gemeinschaft von tätowierten Frauen, die im Gebirge verborgen wohnen, jenseits kartografischer Koordinaten und männlicher Präsenz. Sie ernähren sich von Dampf und Rauch, werden vom Wind schwanger und von den Bienen beschützt. Wenn sie sich auf die „Wege nach Temahahoi“ beruft, stellt sich Ciwas weniger einen queeren Raum vor, als dass sie einen Weg zu einem Raum bahnt, der seit jeher existiert – einen Zugang, der es ermöglicht, dauerhafte Beziehungen, Gemeinschaften und Lebensweisen zu erspüren, zu erinnern und erneut einzugehen. Ihr Interesse an nicht-binärer Arbeit geht über die Frage von Gender hinaus, beschäftigt sich mit Taiwans historischer Trennung von Bergen und Flachland, Indigenen Territorien und Siedlungsgebieten, mündlichem Wissen und kodierten Systemen, und fragt, wie solche Relationen behutsam weitergetragen werden können, im Sinne Indigener und planetarer Zukünfte.
Freda Fiala
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger
[1] Tayal ist eine häufig verwendete Kurzform von Atayal und bezeichnet sowohl die taiwanesische indigene Bevölkerungsgruppe als auch deren Sprache.