Jugoslawien, Bildende Kunst, 1976
Braco
Dimitrijević
Braco Dimitrijević (geb. 1948 in Sarajewo) kam 1976 als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (BKP) nach Westberlin. Aufgewachsen im Jugoslawien der Nachkriegszeit, machte die ummauerte Stadt, in der die Spuren des Zweiten Weltkriegs noch sehr präsent waren, einen tiefen Eindruck auf den Künstler – einige seiner wichtigsten Serien haben hier ihren Ursprung. Wie für viele andere Gäste des BKP wurde auch für Dimitrijević die Galerie René Block zu einem zentralen Anknüpfungspunkt. Noch im September 1976 richtete Block ihm in Zusammenarbeit mit dem BKP eine Einzelausstellung aus. Wenig später wurde eine wichtige Arbeit im öffentlichen Raum realisiert: ein großformatiges, fotografisches Porträt einer namenlosen Frau an der Fassade der Hochschule der Künste – eine Arbeit aus seiner Casual Passer-By-Serie, wofür der Künstler Personen, die er zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort zufällig auf der Straße traf, fotografierte und diese Porträts überdimensional auf Leinwand aufgezogen prominent an Fassaden und anderen Stellen im öffentlichen Raum platzierte. Fotografien der Serie hatte er seit 1971 in Paris, Neapel, Zagreb und Venedig und 1972 auf der documenta 5 ausgestellt.
In Berlin entstanden die Arbeiten Die Dialektische Kapelle (Berliner Version, 1976: Albrecht Dürer und Dieter Koch) im Kontext der von ihm erfundenen Legende über die „Entdeckung“ Leonardo da Vincis, wozu Büsten des bekannten Künstlers und eines willkürlich herausgegriffenen Unbekannten auf Sockeln gleicher Höhe präsentiert wurden, sowie der Werkzyklus Triptychos Post Historicus. Nach monatelangen Verhandlungen erhielt Dimitrijević die Erlaubnis, in der Berliner Neuen Nationalgalerie Installationen mit originalen Meisterwerken wie Bildern von Mondrian, Kandinsky, Picasso oder Manet zu realisieren, welche er als Ready-mades mit alltäglichen Objekten des Haushalts und der Natur konfrontierte und fotografierte. Mit dieser „Vereinnahmung“ bedeutender Kunstwerke für das eigene Werk nahm Dimitrijević Strategien der späteren Appropriation Art vorweg und hinterfragte gleichzeitig bestehende kunstgeschichtliche wie gesellschaftliche Hierarchien. Fotografien der Triptychos Post Historicus gingen wiederum in die Sammlung der Nationalgalerie ein.
Berlin lieferte auch Motive für die 1972 begonnene fotografische Serie This Could be a Place of Historical Interest, für die der Künstler nicht etwa die geschichtsträchtigen Orte der geteilten Stadt, sondern möglichst banale Szenerien im Innen- und Außenraum ohne offenkundige historische Bedeutung fotografierte. Die Arbeit aus 48 zu Panelen angeordneten Fotografien wurde 1977 auf der documenta 6 ausgestellt. Das wohl spektakulärste in Berlin entstandene Werk ist ein Denkmal im Garten des Schlosses Charlottenburg. Das Projekt wurde noch während seines Aufenthalts 1976 begonnen und 1979 mit finanzieller Unterstützung des Berliner Senats, der Berliner Lottogesellschaft, des BKP und des Schlosses Charlottenburg realisiert. Ein zehn Meter hoher Obelisk aus weißem Carrara-Marmor wurde zu Ehren des Geburtstags von Peter Malwitz errichtet, dem Dimitrijević zufällig begegnet war. Der Künstler ließ das Datum mit goldenen Lettern in vier Sprachen, auf Deutsch, Englisch, Französisch und in seiner Muttersprache eingravieren: 11. März – Dies könnte ein Tag von historischer Bedeutung sein. Der „Obelisk jenseits von Geschichte“ (Dimitrijević) ist als monumentales Zeugnis früher Konzeptkunst noch heute zu bewundern.
Braco Dimitrijević war Teilnehmer der documenta 5, 6 und 9 (1972, 1977, 1992) und der Venedig Biennale (1976, 1982, 1990, 1993, 2009). Eine große Retrospektive fand in der GAM Galleria Civica d’Arte Moderna e Contemporanea in Turin (2016) und am Museum of Contemporary Art, Zagreb (2017) statt.
Text: Eva Scharrer