USA, Bildende Kunst, 1974
James Lee
Byars
James Lee Byars (geb. 1932 in Detroit, gest. 1997 in Kairo) kam 1974 nach Westberlin. Der stets mondän in monochrom rote, schwarze, weiße, rosafarbene oder gar goldene Gewandung gehüllte Konzeptkünstler und selbsternannte Mystiker, der in seinem Werk nicht weniger wollte, als das „Vollendete“ zur Erscheinung bringen, war seit den frühen 1970er Jahren insbesondere in Europa mit Performances, Objekten, Skulpturen und Räumen präsent – so etwa auf der documenta 5 in Kassel, wo er, auf dem Dach des Fridericianums stehend, deutsche Namen durch ein goldenes Megafon ausrief. Joseph Beuys, der im selben Jahr sein Büro für direkte Demokratie auf der documenta betrieb, ernannte Byars zu seinem Antagonisten.
Seine oft multimedialen Inszenierungen versetzen westliche Kunstkonzepte mit asiatischen Kulturelementen, bemühen klassische Würdeformen wie die des Grabmals unter Verwendung kostbarer Naturmaterialien wie Marmor, Gold und Seide. Wie viele der frühen Gäste des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (BKP) war auch Byars zutiefst beeindruckt von der geteilten Stadt und den in ihr sichtbaren Spuren von Zweitem Weltkrieg und Holocaust. Unerfüllt blieb jedoch sein Wusch, das Jahr 1974 in goldenem Anzug im Loch des Turms der Gedächtniskirche stehend zu begrüßen. In Berlin entstand die Arbeit The Black German Flag, ein Pendant zu The American Flag, die beide das symbolische Potenzial von Flaggen in Bezug zu Nationalität und historischen Ereignissen untersuchen. Das Bildobjekt aus schwarzer Seide, in das die Inschrift „MOVE ALL THE J.’S FROM I. BACK TO G. ?“ perforiert ist, ließe sich auch als hermetisches Leichentuch lesen.
Mit Unterstützung des BKP wurde 1974 eine Ausstellung der Galerie René Block realisiert, für die Byars eine Glasscheibe mit dem Durchmesser von drei Metern und einer Stärke von einem Zentimeter im Vorgarten der Galerie installieren ließ, mit einem Loch in der Mitte, durch das er hinter der Scheibe stehend mit den BesucherInnen kommunizierte. 1974 erschien als Kollaboration mit Joachim Sartorius die Publikation The Golden Tower, herausgegeben vom Verlag der Buchhandlung Walther König und dem BKP – eine schwarze Kassette mit einem Buch, in dessen schwarze Seiten kryptische Begriffe perforiert waren – in einer Auflage von 333 Exemplaren. In einer Ausstellung in der Berliner Galerie Springer im Dezember 1974 zeigte er erstmals Entwürfe seines für Berlin konzipierten Golden Tower / Der goldene Turm, der in seiner ursprünglichen Fassung einen 333 Meter hohen, goldverkleideten Zylinder auf dem Steinplatz in Berlin vorsah. Die als „achtes Weltwunder“ konzipierte Arbeit konnte in Berlin nicht realisiert werden, wurde aber später in zahlreichen Variationen, wenn auch in weniger monumentalen Ausmaßen an verschiedenen Orten gezeigt, unter anderem auf der documenta 7 in Kassel. In einer Variante auf diese Idee stellte sich Byars im goldenen Anzug auf eine Brücke in Amsterdam, einen langen vergoldeten Holzstab als vertikale Verlängerung seiner selbst in die Höhe haltend. 1982 entstand The Golden Tower with Changing Tops, ein Zylinder von 340 cm Höhe und 80 cm Durchmesser,bei dem die halbrunde Kuppe abnehmbar und durch eine andere Form ersetzbar ist. Im Rahmen der Venedig Biennale 2017 wurde der 20 Meter hohe Golden Tower erstmals als monumentale Installation im öffentlichen Raum am Ende des Canale Grande gezeigt.
James Lee Byars war Teilnehmer der documenta 5, 6, 8 und 9 (1972, 1977, 1987, 1992) und der Venedig Biennale 1980 und 1986. 1977 hatte er eine Einzelausstellung am Städtischen Museum Mönchengladbach; umfangreiche Retrospektiven richteten ihm u. a. die Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main (2004) und das MoMA PS1, New York (2014) aus.
Text: Eva Scharrer