Ägypten, Musik & Klang, 2021, in Berlin

Yara
Mekawei

Foto: Jasper Kettner

Als multidisziplinäre Künstlerin nutzt Yara Mekawei in ihrer Arbeit hauptsächlich die stofflichen und unstofflichen Eigenschaften von Klang, um dessen Einfluss und verändernde Wirkung auf Verfahren der bildenden Kunst und der Plastik zu untersuchen. Klang als Ausgangsmaterial und Verkörperung von Wissensformen nutzend, geht sie der Frage nach, auf welche Weise Klangfülle – analog den Erfahrungen und Beschreibungen der afrikanischen und arabischen Philosophie – als Wandler und Konvergenzpunkt raumzeitlicher Zusammenhänge dient. 

Seit sieben Jahren arbeitet Mekawei an einem Übersetzungssystem für Töne, die im Hintergrund von sufistischen Texten zu hören sind. Mittels Lesungen von Werken sufistischer Dichter, Denker und Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna) und Mansur al-Halladsch entwickelte sie eine Methode zur Ver- und Entschlüsselung arabischer Buchstaben in Form von Ziffern, die sie zu Partituren für ihre Musik- und Klangkompositionen kombiniert. Dieser Übersetzungsprozess verwandelt die Mythologien und Erzählungen der Sufi-Propheten in neue klangliche Interpretationen sufistischer Philosophie und Geschichte. 

„Die Klänge der bewegten Bilder“ lautet der Titel von Mekaweis vor Kurzem erschienenem ersten Buch in arabischer Sprache, in dem sie die Ergebnisse ihrer jahrelangen Arbeit, Forschung und Praxis im Bereich der Klangkunst zusammenträgt. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Begriff des „Gehörsehens“. Mekawei beleuchtet konzeptuelle Fragen zu Musik und Geschichte und deren Bezüge zu moderner Technologie ebenso wie Konzepte der digitalen und bildenden Kunst in Bezug auf philosophische Betrachtungen des Gehörsinns und des Hörens. 

In dem 2018 von ihr lancierten Projekt Radio Submarine / راديو الغواصة begibt sich Mekawei als Geschichtenerzählerin auf Streifzüge durch die Klang- und Musikwelt afrikanischer Städte. Wasser wird dabei zum verbindenden Element zwischen den einzelnen Hörfunk-Features. Als Übertragungsraum für afrikanische Gefühlswelten auf dem Kontinent und darüber hinaus überwindet das Wasser die geografischen Grenzen Afrikas als fest verankerten Bereich und tritt mit Reisenden (in Vergangenheit und Gegenwart) in Beziehung, die ihre eigenen Klänge und Musik mit sich tragen. Für Mekawei stellt Radio Submarine geschichtliche Bezüge her und gibt die klanglich-musikalische Vielfalt diverser afrikanischer Städte wieder. Dabei widersetzt sie sich den kolonialen Gebietseinteilungen, die die Bewegungen und Beziehungen der Menschen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent strukturieren und einschränken. 

Die Recherchen Mekaweis über städtische Architektur, Gesellschaftsgeschichte und Migration von Menschen und darüber hinaus können im Lichte von Henri Lefebvres Ansatz der Rhythmusanalyse verstanden werden, mit dem sich Metropolen über ihren Klang erforschen und der gesellschaftliche, kulturelle und politische Wandel in den Städten über die Musik und das Gehör erschließen lassen. 

Zentrale internationale Stationen, an denen Mekaweis Werke aufgeführt bzw. gezeigt wurden, sind u. a. SAVVY Contemporary (Berlin, 2021), SHUBBAK Festival (London, 2021), Rote Fabrik (Zürich, 2019), Galerie MEMPHIS (Linz, 2019), Halle14 (Leipzig, 2019), Dakar Biennale (Dakar, 2018), Fak’ugesi African Digital Innovation Festival (Johannesburg, 2018), Cairotronica festival (Kairo, 2018), Lagos Biennale (Lagos, 2017) und Biennale méditerranéenne dʼart contemporain dʼOran (Oran, 2014). 

Text: Kamila Metwaly

Übersetzung: Stefan Hollstein

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