Ungarn, Musik & Klang, 2021, in Berlin

Zsolt
Sőrés

Photo: Jasper Kettner

Aus Zsolt Sőrés wird Ahad

Zsolt Sőrés (geboren 1969 in Budapest, Ungarn) ist in erster Linie und von Natur aus ein interdisziplinärer Künstler. Seine Art zu sehen und kreativ zu sein verlangt nach einer Arbeit mit mehr als nur einem Medium. Mit einem akademischen Hintergrund in Literaturtheorie und -geschichte begann er Mitte der 1990er Jahre als Mitglied von Spiritus Noister, SoKaPaNaSz, Mesékstb und S.K.ψ Musik zu machen und sich mit verschiedenen intermedialen Arbeiten zu beschäftigen. Diese Gruppen versuchten sich in Genres, die zwischen Lautpoesie und freier, nicht idiomatischer musikalischer Improvisation changierten. Nach 2000 etablierte sich Sőrés als Solokomponist und -interpret (hauptsächlich von Live-Musik für Tanzaufführungen); dank gelegentlicher Zusammenarbeit mit Ernő Király, Franz Hautzinger, Adam Bohman, Jean-Michel Van Schouwburg, Jean-Hervé Péron, Christian Kobi, Hilary Jeffery, Rudi Fischerlehner, Anla Courtis und vielen anderen fand er schnell internationale Anerkennung.

Sőrés’ tiefgründiger und vielseitiger Geist basiert auf seiner instinktiven Fähigkeit, verschiedenste Informationen ordnend zu artikulieren und relevante Beziehungen zwischen Dingen einerseits und Phänomenen andererseits intuitiv zu erfassen. Das Gleiche gilt für seine Herangehensweise an die Erzeugung von Klang. Bevor er sich ans Werk macht, untersucht er penibel die potenzielle Raum-Zeit-Bewegung eines bestimmten Klangs sowie dessen psychologische und soziale Auswirkungen. Getreu der Maxime „Kein Klang ist unschuldig“ – geprägt von Edwin Prévost, einem Musiker, der ihn stark beeinflusst hat – achtet Sőrés gleichermaßen auf die syntaktischen wie semantischen Aspekte ausgewählter Klänge.

Die aufrüttelnde, surreale Bildsprache experimenteller Filmemacher (Kenneth Anger, Alejandro Jodorowsky, Shinya Tsukamoto und andere) ist eine wichtige Inspirationsquelle für Sőrés’ musikalisches Schaffen. Häufig kreiert er Klangkulissen und Bilder, die auf ein psychedelisches Bewusstsein anspielen. Drei komplementäre Einflüsse – nicht-idiomatische Improvisation, surreale Filmbilder und eine anti-essenzialistische, anti-systemische und anti-etablierte Weltsicht, die sich aus seiner Lektüre von Gilles Deleuze, Hakim Bey und anderen nonkonformistischen DenkerInnen entwickelt hat – treiben Sőrésʼ eklektische Poesie an. Sie sind die Geburtshelfer seiner wirkmächtigen klangbasierten Ästhetik, die sich hierarchisch in die Gegensätze von Musik und Geräusch, Absicht und Zufall, Ordnung und Unordnung, Komposition und Improvisation, Affekte und Emotionen aufteilen lässt. Sőrés sieht sich selbst nicht als konventionellen Musiker oder Klangkomponisten, sondern verwendet den Namen „Ghost Sonic Ontologist“, um sich und seine professionellen Unternehmungen zu umschreiben. Seine Kunst hatte schon immer höhere Ambitionen als nur die Realität abzubilden – auch wenn eine solche Interpretation etwas übers Ziel hinausschießen mag. Die Sounds des Künstlers ziehen einen in Bann und fördern gleichzeitig soziale Unterschiede, Anomalien, Wunden, Dystopien und Utopien zutage.

Auf seinem Weg, die fluide Natur unserer Moderne zum Ausdruck zu bringen und zu reflektieren, ist Zsolt Sőrés zu Ahad („der eine“) geworden, weil es für ihn der einzige Weg war, ein über die Maßen strukturiertes Bewusstsein effektiv zu transzendieren. Auf die gleiche Weise hat sein ikonisch gewordenes Instrument, die 5-saitige Bratsche, den Bereich elitärer klanglicher Repräsentationen hinter sich gelassen, um blasphemische Angriffe auf die Konventionen der darstellenden Künste zu verüben. Sie wurde zu einer Erweiterung des Körpers dieses Ausnahmekünstlers. Mitragyna Metro (2021), Sőrés’ jüngstes Aufnahmeprojekt, demonstriert diese schizo-phonische Wendung ziemlich eindrucksvoll.

Text: Jozef Cseres
Übersetzung: Anna Jäger

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