Belarus, Literatur, 2022

Volha
Hapeyeva

Foto: Jasper Kettner

Würde man Volha Hapeyeva nach ihrem Wohnsitz fragen, käme sie wohl in Verlegenheit. Seit sie Minsk vor mehreren Jahren verließ, lebte sie an wechselnden Orten, doch stets einer Sache verpflichtet: der Poesie. Nicht umsonst trägt ihr vielbeachteter, mit dem Wortmeldungen-Preis ausgezeichneter Essay den Titel Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils. Darin ist von nomadischem Denken, von „verschiedenen Lebenskostümen“ und immer wieder von der Sprache die Rede, die „nie neutral, nie objektiv“ ist, sondern „immer politisch“. Diese Erfahrung hat Hapeyeva im totalitär regierten Belarus zur Genüge gemacht, wobei sie zwischen der ideologischen Propaganda-Sprache des Regimes und der Alltagssprache zu unterscheiden lernte. In Minsk studierte sie vergleichende Linguistik und beschäftigte sich intensiv mit Geschlechterfragen in Kultur und Literatur, was ihr Schreiben entscheidend prägen sollte.
Doch der Weg zu feministischem Selbstbewusstsein und Schaffen war nicht einfach. 2019 schilderte Hapeyeva in ihrem lakonisch-melancholischen Erinnerungsbuch Camel Travel, wie sie sich von der patriarchalisch und sozialistisch geprägten belarussischen Gesellschaft emanzipierte und zu sich selbst fand. Ihre Gedichte thematisieren den Prozess der Identitätsfindung über den eigenen Körper und eine eigene Sprache vielfältig und in immer neuen Anläufen.

Auf Belarussisch liegen zahlreiche Lyrikbände der 1982 geborenen Autorin vor, so Чорныя макі (Schwarzer Mohn, 2018), Граматыка снегу (Grammatik des Schnees, 2017), Прысак і пожня (Asche und Stoppel, 2012), Метад муаравых крэсак (Methode der Moiréstreifen, 2012) oder Няголены ранак (Unrasierter Morgen, 2008), auf Deutsch bietet der Band Mutantengarten (2020) eine repräsentative Auswahl aus Hapeyevas lyrischem Werk. Auffallend ist der Anspruch, Subjektivität durch Sprache zu schaffen, eine betont weibliche Sprache „im Sinne einer Energie, die stark, aber nicht aggressiv ist, die Mitgefühl und Empathie kennt“. Originelle Sprachbilder und provokante Wortverfremdungen zeigen, wie Hapeyeva herrschende Muster unterläuft. Am Ende des eindrücklichen Gedichts „schwarzer apfelbaum“ über eine Übersetzerin von Briefen verschollener oder im Krieg gefallener Frauen heißt es (in der Übertragung von Mathias Göritz): „du bekommst keinen orden / wenn du nicht sicher bist ob du schießen sollst oder nicht / wenn du mitgefühl zeigst / für die eigenen leute und die feinde / wenn du dein eigenes kind ertrinken lässt um andere zu retten / wenn du dich um den ehemann einer fremden kümmerst / wenn du dich erhängst am schwarzen apfelbaum // im namen der mutter der tochter und der heiligen geistin.“ Die bekannte liturgische Segensformel erhält hier eine markante Abwandlung, so wie Krieg und Heldentum völlig neu konnotiert werden.  

Volha Hapeyevas Gedichte sind existenziell und subversiv, genau und voll körperlicher Metaphern. Sie animieren zu kritischer Reflexion und unterziehen die Sprache sorgfältiger Prüfung. Poesie, so die Autorin in ihrem schon zitierten Essay, sei für sie ein Mittel, „um Empathie auszudrücken und Bildung zu verbreiten“, eine Bildung, „die uns lehrt, menschlich zu sein und den Menschen im anderen zu sehen, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht oder ihrer Hautfarbe. Das ist ein Antidot zur Gewalt und zum Hass“. So verwundert es nicht, dass Hapeyeva zum Schluss kommt, ihr Zuhause sei die Poesie. 

Text: Ilma Rakusa 

Kemel-trevel
Halijafy, Minsk, 2019

Camel Travel
Literaturverlag Droschl, Graz, 2021 (Ü: Thomas Weiler)

Mutantengarten
Edition Thanhäuser, Ottensheim, 2020 (Ü: Matthias Göritz, Martina Jakobson, Uljana Wolf)

Samota, što žyla ŭ pakoi nasuprac
Halijafy, Minsk, 2021

Paradox Niemaulia
Halijafy, Minsk, 2022

Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils
Verbrecher Verlag, Berlin, 2022

Vergangen

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