Brasilien, Film, 2022, in Berlin

Paula
Gaitán

Film Still: Luz nos Trópicos (2020)

Paula Gaitán, 1954 in Paris geboren, wuchs zwischen Kolumbien, Brasilien und Europa auf. Ihr Vater, Jorge Gaitán Durán, war Dichter, ihre Mutter, Dina Moscovici, Schriftstellerin, Theaterregisseurin und Filmemacherin. Umgeben von verschiedenen Kunstformen und geprägt von zahlreichen Ortswechseln hat Paula Gaitán den Zustand der ständigen Bewegung zu ihrem Ansatz gemacht. In ihren Filmen schimmert ihre Arbeit als Dichterin, Fotografin und bildende Künstlerin durch, die sich ihren filmischen Gesten einschreibt. Mit literarischen Fragmenten und Archivbildern, einem außergewöhnlichen Einsatz von Ton und ausgefallenen Farbkompositionen erinnern uns ihre Filme immer wieder daran, dass das Kino ein Ort fließender Grenzen sein kann. Ob in Filmen, Fernseharbeiten, Musikvideos oder Installationen – die Welt von Paula Gaitán ist eine Kraft, die von ständiger Verschiebung und unendlichem Austausch lebt.

In Uaká (1989) entfaltet sich ihre Begegnung mit der Indigenen Bevölkerung Xingu zu einer sinnlichen Erkundung der Landschaft, angetrieben von einem überschwänglichen Umgang mit den Farben des 16-mm-Materials. Bei Diário de Sintra (Days in Sintra, 2007), in dem Gaitán ihre letzten Monate mit ihrem Mann, dem brasilianischen Filmemacher Glauber Rocha, sowie den gemeinsamen Kindern Ava und Eryk im Portugal der späten 1970er Jahre Revue passieren lässt, fungiert die Kamera als Tastwerkzeug, das Räume auslotet, während Fragmente von philosophischen Texten, Erinnerungen und Gedichten die Tonspur komplementieren.

Vida (Life, 2008) und Agreste (Drylands, 2010) sind den brasilianischen Schauspielerinnen Maria Gladys und Marcélia Cartaxo gewidmet. Hier entwickelt Paula Gaitán eine einzigartige Form des experimentellen Porträts, die sich in Werken wie Sutis Interferências (Subtle Interferences, 2016), É Rocha e Rio, Negro Leo (Riverock, 2019) und Ostinato (2021) fortsetzt. In diesen Filmen über bildende KünstlerInnen, MusikerInnen und SchauspielerInnen entlehnt sie formale Aspekte aus deren Werk und verwandelt sie in filmische Gesten. In Sutis Interferências wird all das zum bestimmenden Element, was normalerweise in der Tonspur eines Dokumentarfilms verworfen wird – sich überschneidende Worte, Unstimmigkeiten, das Rauschen der Klimaanlage. Gaitán entleiht das Motiv der Überlagerung aus dem musikalischen Werk von Arto Lindsay und übersetzt es ins Filmische, arbeitet mit stark kontrastierender Kameraführung, parallel gesetzten Klängen und verschichteten Schnitten.

Ihre Filme sind zugleich ätherisch und zutiefst körperlich. Sie sind, wie Noite (Night Box, 2014), fantasievolle Beschwörungsformeln, und doch verwurzelt in der Beschäftigung mit dem Körper, der Materialität der Fotografien, den Texturen der Stoffe, der physischen Präsenz der Landschaft. Selbst in geradlinigem Erzählkino wie Exilados do Vulcão (The Volcano Exiles, 2013) und Luz nos trópicos (Light in the Tropics, 2020) steht dem Bedürfnis, eine Geschichte zu konstruieren, der experimentelle Impuls entgegen. Das fiktionale Gebäude erhebt sich zu voller Größe, um anschließend in tausend Stücke zu zerfallen. Der akribische Aufbau einer Szene weicht einer dissonanten Verschmelzung von Auftritten, durchstößt die Membran der Dinge, verdichtet sich zu abstrakten Variationen. Es entsteht der Eindruck eines Films, der stolz von innen heraus implodiert und dessen Eingeweide wir bewohnen dürfen. Paula Gaitán praktiziert ein Kino, das die Skizze zur höchsten künstlerischen Dichte erhebt.

Text: Victor Guimarães
Übersetzung: Anna Jäger

Vergangen

zum Seitenanfang