Italien / Nicaragua, Bildende Künste, 2022, in Berlin

Patricia
Belli

Patricia Belli: Cielo de Leche (Milchhimmel), Stoffskulptur, 300 x 400 cm, 2019; Photo: Aurélien Mole

Patricia Belli lässt sich nicht auf eine Disziplin festlegen, sie arbeitet mit Fasern, Alltagsgegenständen und handgefertigten Materialien, mit denen sie die Verflechtung zwischen Körpern und Systemen ebenso erforscht wie das prekäre Gleichgewicht, in dem sich diese angesichts von Strukturen der Gewalt befinden. Über Themen wie Gender, Sexualität und Veränderungsprozesse bringen ihre Arbeiten eine strukturelle Sprache zum Vorschein, die in affektiven Begegnungen – bestimmt durch eine Vielzahl an Sehnsüchten – Gestalt annimmt. Ausgehend vom Körper und von gelebten Erfahrungen aktiviert Patricia Belli physische Empfindungen als Wissensarchiv und Ort der Artikulation. Durch Nähen und andere handwerkliche Tätigkeiten verleiht sie all jenem, was fragil, weiblich und anderweitig gefährdet ist, Textur. Marginalisierten Körpern, zwischen lokalen und globalen Kontexten, gibt sie eine Form, und entwickelt damit eine Gegenpoetik zu heteropatriarchalen Systemen.

Ihr Studium absolvierte Belli in den Vereinigten Staaten zur Zeit der Contra-Kriege in Nicaragua, die von den USA unterstützt wurden. Nachdem sie an der Loyola University einen BFA in bildender Kunst erworben hatte, kehrte sie 1987 nach Managua zurück. 1990 wurde sie Teil eines KünstlerInnenkollektivs namens ArteFacto. Die nicht besonders langlebige, aber wegweisende Gruppierung verfolgte einen interdisziplinären Ansatz, verbunden mit Performance als Methode und einer experimentellen Ästhetik, die den Status quo bewusst herausforderte. Mit Unterstützung eines Fullbright-Stipendiums machte Patricia Belli 2001 ihren MFA-Abschluss am San Francisco Art Institute. Im selben Jahr kehrte sie nach Nicaragua zurück, wo sie EspIRA (dt: Raum für künstlerische Forschung und Reflexion) gründete, ein experimentelles pädagogisches Projekt, das sich auf der Basis von kollektivem Dialog und gemeinschaftlichem Lernen kontinuierlich weiterentwickeln sollte.

Verankert in einem Ethos der Selbsterkundung, verbunden mit der Erforschung spezifischer Materialien, untersuchen Bellis frühe Arbeiten weiblich konnotierte Körperlichkeit(en) anhand genderspezifischer Zuschreibungen von Alltagsgegenständen. In Werken wie Femalia (1996) hinterfragt sie Konstruktionen von Weiblichkeit anhand der sensuellen Beschaffenheit von Frauenkleidung. Die von der Künstlerin verwendeten, aus den Vereinigten Staaten importierten Second-Hand-Kleidungsstücke tragen affektive Rückstände, in denen die Körper, die sie einst trugen, und deren Geschichte nachleben. In Contorsionista (Schlangenmensch, 2001) setzt sie ihre somatischen Untersuchungen fort, indem sie sich häuslichen Objekten zuwendet, um anthropomorphe Strukturen zu schaffen, in denen sich die systemischen Voraussetzungen von Zwängen offenbaren. Diese Arbeit ist Teil ihrer umfangreichen Installation El Circo (Der Zirkus, 2001), die – in den Worten der Künstlerin – das „Risiko des Zirkusspektakels und die Melancholie des Zirkuslebens“ thematisiert, die der Machismo hervorruft. 

In ihren neueren Arbeiten greift Belli die Themen Fragilität und Gewalt in partizipativen Installationen auf. Bei Porfiadas (Starrköpfe, 2015) aktivieren die BetrachterInnen einen Schlagstock, der beim Hin- und Herschwingen immer wieder gegen drei Gipsköpfe schlägt. So zeigen sich Zyklen der Gewalt, die das prekäre Verhältnis von Körpern und Objekten thematisieren. Wenn Körper zu Objekten werden, die von größeren Unterdrückungssystemen misshandelt werden, verlieren sie den Boden unter den Füßen. Neben diesen Arbeiten stellt die Künstlerin Stoffe in den Vordergrund, mit deren Hilfe sie untersucht, wie sich Strukturen der Gewalt und automatisierte Systeme auf die Mechanismen des Körpers und der Natur im weiteren Sinne übertragen. So auch in Cielo de Leche (Milchhimmel, 2019), wo eine feine weiße Decke mit euterähnlichen Ausstülpungen über den Betrachtenden hängt – wie der Himmel eines Versprechens von Milch. Knapp außer Reichweite positioniert, ruft die Arbeit ein zartes und doch bedrohliches Gefühl hervor, das verdeutlicht, wie dünn der Schleier ist, der Erziehung und strukturelle Gewalt trennt.

Mit El piso se mueve (Der Boden bewegt sich, 2020) konstruierte Belli ein interaktives System auf einer kreisförmigen Platte im Boden, die einen Balanceakt erfordert, um darauf stehen zu können. Das Werk, das stets zu kippen droht, verweist auf die Schwingungen zwischen Geschichte und Gegenwart. Es ruft sowohl die Erschütterungen des Erdbebens von 1972 hervor, das Managua beinahe zerstört hätte, als auch bis heute spürbare „Nachbeben“ in Form der Unterdrückung, die den Alltag in Nicaragua prägt – einschließlich der destabilisierenden Auswirkungen der Covid-19-Pandemie.

Patricia Belli lebt und arbeitet in Managua, Nicaragua. Zu ihren jüngsten Ausstellungen gehören: Ser Sin Serlo in der Villa Vassillief, Frankreich, wo sie ein Pernod Ricard Fellow war (2018); Equilibrio y Colapso in TEOR/éTica, Costa Rica (2016), Fundación Ortiz Gurdián, Nicaragua (2017), Artecentro, Guatemala (2017); und Fágiles in TEOR/éTica, Costa Rica (2015). Ihre Arbeiten wurden kürzlich auch bei ARCO, Madrid (2021), der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (2018) und der 38. EVA International, Irland (2018) gezeigt.

Text: Lesdi Goussen Robleto

Übersetzung: Anna Jäger

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