Indien, Bildende Künste, 2021, in Berlin

Pallavi
Paul

Pallavi Paul, "The Dreams of Cynthia", video still, 2017

Ein gespenstischer Tiger schleicht durch die Landschaft. Da man ihn nur in flüchtigen Momenten erhascht – als Splitter und nie im Ganzen –, umgibt mittlerweile ein Reiz des Zauberhaften seine Unnahbarkeit. Ihm wird durch Übertreibungen und Gerüchte eine stürmische, religiöse Ehrfurcht entgegen gebracht. So lässt sich auch das heutige Indien beschreiben, wo eine neofaschistische, rechtsextreme Führung mit einer polarisierenden, spaltenden Politik die Gunst der Mehrheit erlangt hat. Die in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi aufgewachsene Künstlerin und Geisteswissenschaftlerin Pallavi Paul (geb. 1987) inszeniert The Blind Rabbit (2020) mittels dieser komplexen Allegorie. Sie rekonstruiert systemische Polizeigewalt in scheinbar voneinander unabhängigen Vorfällen, die sich über Jahrzehnte hinweg in Indien ereignet haben. Hier werden die Vermissten – es handelt sich um Berichte, die erstickt und unterdrückt wurden – als Spuk beschworen, als unberechenbare Erinnerungsblitze, als Albtraum, der in Teilen wiedererlebt wird. Paul fügt Text-, Bild- und Tonfragmente von erhaltenen Dokumentationen, geretteten Video- und Audioaufnahmen sowie Polizei- und Zeugenaussagen zu einem dichten, assoziativen Essay möglicher Wahrheiten und Auslassungen.

Pauls multidisziplinäre Praxis, die Film, Installation, Text, Fotografie und Performance umfasst, speist sich aus ihrer akademischen Arbeit, ihrem Schreiben und ihrer Forschung. Sie hat einen Doktortitel in Filmwissenschaften von der Jawaharlal Nehru University und einen Postgraduiertenabschluss in Medien von der Jamia Millia Islamia – beides Universitäten, die immer wieder vom rechten Lager angegriffen werden, weil sie kritisches Denken und progressive Politik fördern sowie Ideen von Gleichheit und Emanzipation entwickeln. Diese Erfahrungen sickern stets in Pauls Arbeit ein, in der Wahrheit Strategie und Provokation, in der Wiederherstellung Methode ist. „Das bedeutet keineswegs, dass die Wahrheit an Potenz eingebüßt hat: vielmehr scheint ihr Griff auf das öffentliche Leben fester zu werden, da ihre Richtigkeit zunehmend in Frage gestellt wird.“

In The Dreams of Cynthia (2017) wird die Poesie atmosphärisch eingesetzt. Die Protagonistin, Cynthia, ist Landschaft, Erfahrung und Zeitmaß. In unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Intensitäten navigiert sie durch eine Umwelt aus Bildern und Klängen. Gelegentlich werden wir in eine Intimität versetzt, die zwischen unangenehmer Nähe und einer Distanziertheit schwankt, die sich nicht ermessen lässt. Wir beobachten, wie sich die Leben eines Henkers und einer Transkünstlerin in einer nordindischen Kleinstadt kreuzen. Ihre Geschichten entwirren langsam die komplexe, marginalisierte Geschichte von Arbeit, Gewalt und Tod. Paul lädt uns in eine Welt ein, „in der es nichts herauszufinden, aber viel zu entdecken gibt.“

Pauls Trilogie beruht auf dem (rebellischen) Werk des revolutionären, vagabundierenden Dichters Vidrohi. Sie setzt seine Gedanken als Provokation und Möglichkeit ein, wie ein „Labor, in dem die Reißfestigkeit des Widerstands, hier als Lebensgrundlage verstanden, getestet wird.“ In Nayi Kheti/New Harvest (2013) werden metaphysische, wissenschaftliche und ästhetische Ideen durch drei unmögliche Gespräche zu einer dichten Überlagerung verwoben. In einem geht es um das Kino selbst, das in der Frage nach Licht und Dunkelheit gefangen ist und seine eigene Identität sucht. Shabdkosh/Dictionary (2013) ist in der Stille zwischen Gedichten angesiedelt, wo mehrere „letzte Aufzeichnungen“ herauf beschworen werden, um „verstorbene Zeit“ zu erschaffen. Die eindringliche, letzte Rede von Salvador Allende rast vor einem Hintergrund mit Bildern von Jagenden und Gejagten durch die Atmosphäre und kollidiert irgendwo mit Vidrohis Obsession, aufgezeichnet zu werden. Long Hair, Short Ideas (2014) beruht auf Shanti (Vidrohis Frau). Im Zuge des Ausnahmezustands und der Einschränkung von bürgerlichen Rechte und der Pressefreiheit begegnen wir der üblicherweise abwesenden Figur der „Frau des Revolutionärs“ durch deren Erfahrungen von Intimität und Häuslichkeit, Arbeit und Sexualität.

Acts, incitements, etcetera (2019) ist eine Klanginstallation, die Strukturen von Wahrheit, Geheimhaltung und Spionage offenlegt. In Hörstationen werden die Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen CodeknackerInnen, Schreibkräften, RadiomechanikerInnen und TelegraphistInnen aus Bletchley Park abgespielt. Die Kriegsbeteiligten, die den „Official Secrets Act“ unterzeichnet hatten, sind heute von der gesetzlichen Verpflichtung zur Geheimhaltung befreit und versuchen, ihre Erlebnisse zu schildern. Die „Geheimnisse“, die in diesen alternden Körpern gefangen sind, fallen der Erinnerung und der geistigen Gesundheit zum Opfer und sind zudem durch persönliche Erfahrungen kontaminiert. Die alchemistische Aufladung der Erinnerung und des „verstorbenen Geheimnisses“ öffnet somit eine Pforte in eine neue Zeit.

Pauls Praxis untersucht die Konturen von Fantasie, Widerstand und Geschichte. Sie befreit das Politische aus der Sprache der Trauer oder Nostalgie, um zum wahren Kern des Widerstands vorzudringen.

Text: Mario D’Souza
Übersetzung: Anna Jäger

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