Spanien / USA, Musik & Klang, 2022, in Berlin

Merche
Blasco

Foto: Jasper Kettner

Es quietscht schrill wie ein Fingernagel auf einer rauen Metalloberfläche, es rattert grob wie eine Waschmaschine im Schleudergang, es tönt harmonisch wie zwei LFO-Wellen auf einem perfekt eingestellten Synthesizer. Die Analogien für Merche Blascos Musik machen irgendwie Sinn. Doch sie sperren die Klänge ein und beschneiden ihr Potenzial, etwas anderes zu sein als nur Abbild einer Realität, die es schon gibt. Denn ihre Musik evoziert eigentlich eine Welt, in der Widersprüche nicht aufgelöst werden, sondern friedlich koexistieren. In der Klänge nichts repräsentieren, sondern für sich selbst stehen – und in der das Hören genauso wichtig ist wie das Gehörte.

Hören steht für die in Spanien geborene Musikerin am Anfang aller Dinge. Auch ihrem jüngsten, dreiaktigen Werk Vibrant Strata (2021) am New Yorker Kulturzentrum The Shed geht intensives Hören voraus. Blasco erkundete wie üblich erstmal die akustische Umgebung des modernen Kunstkomplexes in Manhattan und suchte mithilfe selbst gebauter Antennen elektromagnetische Wellen, die für das bloße Ohr nicht wahrnehmbar sind. 

Im ersten Akt wird dieser Forschungsprozess Teil der Performance. Das diffuse Rauschen, das an das Störgeräusch von Handys in der Nähe von Lautsprechern erinnert, ist das Leitmotiv, mit dem die Mit-MusikerInnen interagieren. Von Interaktion lebt auch der zweite und dritte Akt. Im zweiten trägt Blasco Mini-Antennen an ihren Fingern, mit denen sie einen vor sich hin summenden 3-D-Drucker verstärkt. Im letzten Akt bewegt sich die Tänzerin Miriam Parker mit zwei tragbaren Instrumenten, mit denen sie physisch und akustisch mit dem Raum kommuniziert.

Vibrant Strata ist ein gutes Beispiel für das, was Blasco antreibt: die Frage, inwiefern Ideologien in Technologien eingebettet sind, worüber sie derzeit sogar promoviert, sowie die Suche nach einer neuen Beziehung zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Welt. Die Wahl-New Yorkerin baut nicht nur eine Reihe von Geräten, um die unwahrnehmbaren Energien des Alltags hörbar zu machen, sondern auch, um mit ihnen zu interagieren. Es ist so etwas wie praktisch angewandte Philosophie oder Philosophie gewordene Musik. Sie schafft eine Welt, in der Dinge und Menschen neue, nicht-hierarchische Beziehungen eingehen.

Blasco verfolgt das nicht mit akademischem, sondern spielerischem Ernst. Die musikalische Autodidaktin bezieht in ihren Performances nicht nur Gegenstände und unsichtbare Energien, sondern auch das Publikum mit ein. Für das Stück Honk210Hz, das sie 2015 in New York mit Blick auf einen Highway zusammen mit einem Chor aufführte, erhielt das Publikum grafische Scores mit Anweisungen zum Performen mit dem Verkehr: „Schütteln Sie die Maraca, wenn Sie ein schwarzes Auto sehen“ oder: „Wenn Sie ein Motorrad sehen, lachen Sie laut.

Der Lärm urbanen Verkehrs, der Gesang eines Chors und das Lachen hunderter Menschen: So klingt Musik, die nicht nur Schönheit schafft, sondern auch einen neuen Blick auf die Welt, in der wir leben.

Blasco zeigte ihre Arbeiten unter anderem auf und im Whitney Museum of American Art, in The Shed, beim Sonar Festival Barcelona, bei der Venedig Biennale, bei den NIME-Konferenzen, beim Mapping Festival, Genf, im Queens Museum of Art und im Museum für zeitgenössische Kunst in Santiago de Chile.

Text: Philipp Rhensius

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