Türkei, Film, 2022

Burak
Çevik

Foto: Edze Ali

Das Werk des türkischen Filmemachers Burak Çevik zielt auf den Kern des Kinos, die Repräsentation selbst. Sein erster Spielfilm, Tuzdan kaide (Die Salzsäule) von 2018 ist eine verwirrende, mythisch verrätselte Geschichte um eine schwangere Frau. Deren Suche nach ihrer verschwundenen Schwester führt zu einer so bezaubernden wie seltsamen Fahrt durch Landschaften, geprägt von unvergesslichen Szenen: Einmal umkreist die Kamera eine große Badewanne, in die die Protagonistin in ihrer höhlenartigen Behausung regelmäßig neben ihrer Doppelgängerin eintaucht – ein zugleich verführerisches, verwirrendes und verstörendes Bild; dann, wie aus dem Nichts, eine grandiose Tischtennisszene, die ans Hypnotische grenzt; und weitere unvergessliche Bilder einer kreativen Geografie, die die menschliche Psyche vermessen.

Der internationale Durchbruch gelang Çevik 2019 mit Aidiyet (Zugehörigkeit). Dieses stilsichere Spiel mit dem Film Noir durchkreuzt die Erwartungen des Publikums, zwingt es, sich mit den Widersprüchen, die zwischen – und in – uns lauern, auseinanderzusetzen. Aidiyet ist ein Werk von formaler und konzeptioneller Vollendung, das vor Atmosphäre und visuellem Flair nur so sprüht. Dabei orientiert sich der erste Teil an der Landschaftstheorie, nach der Räumen nicht nur ihre eigene Suggestivkraft innewohnt, während der zweite Teil in trügerisch romantischer Tonart den Resetknopf drückt. Die unheimliche Geschichte skizziert Räume einer düsteren Vorahnung, hält sich dabei aber nicht an traditionelle narrative Mittel, sondern inszeniert eine wissende, formale Brechung. Dass das Verbrechen tatsächlich stattgefunden hat und der Film von einer Familientragödie inspiriert wurde, bezeugt Çeviks Bereitschaft, sich an die eigene Erfahrung zu halten.

Der Titel seines Kurzfilms A Topography of Memory (2019) könnte auch als treffende Beschreibung für Çeviks bisherige Filmografie dienen. In diesem stillen, aber umso beunruhigenderem Werk (das dennoch Spuren seines Humors aufweist) werden Tonaufnahmen einer Familie auf ihrem Weg zur Stimmabgabe bei den hitzigen türkischen Parlamentswahlen im Juni 2015 über CCTV-Aufnahmen vom darauffolgenden Morgen in einem scheinbar friedlichen Istanbul gelegt. Die Szenen sind durchdrungen vom Wissen um die Vergangenheit und die Zukunft, auf die Hoffnung, aber auch Angst vor einem repressiven Regime projiziert wird.

Es überrascht nicht, dass sich Çevik von der Strenge und Einzigartigkeit von Jean-Marie Straubs und Danièle Huillets Klassenverhältnisse von 1984 angesprochen fühlte, das lose auf Kafkas unvollendetem Roman Amerika basiert. Der vom legendären Kameramann William Lubtschansky auf 35mm-Schwarz-Weiß-Material gedrehte Film ist präzise und materialistisch – seine Objekte und Architektur stehen gleichberechtigt neben den SchauspielerInnen. In While Cursed by Specters (2020), Çeviks Intervention in diesem Filmmaterial, sind die SchauspielerInnen herausgeschnitten. Das hebt die nicht-hierarchische Sprache und Struktur des Films hervor, zeugt aber auch von der Macht der Abwesenheit, der Metonymie, der visuellen Erinnerung und der Umgestaltung von Mustern. In seiner Praxis des Sehens, Notierens, Neuordnens, Erschaffens, aber auch Aufbrechens von Erkennungsmustern verfolgt Çevik ein Interesse an Grenzbereichen als regenerativen Räumen, in denen die Erinnerung, auch wenn sie ins Stocken gerät, etwas Neues schaffen kann: einen faszinierenden Weg nach vorn. Es verwundert daher wenig, dass das Projekt, an dem er derzeit arbeitet, den Titel Forms of Forgetting trägt.

Text: Andréa Picard

Übersetzung: Anna Jäger

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