Moldau, Literatur, 2019

Nicoleta
Esinencu

Foto: Florin Tabirta

„Land im Übergang, Entwicklungsland, osteuropäischer Partner, Peripherie, das Ende von Europa, Second-Hand-Land, ein Land mit Potenzial, ein Land, das aufholt, ein oft vergessenes europäisches Land, Pufferzone…“ – diese Aufzählung aus Nicoleta Esinencus Stück Recviem pentru Europa ( Requiem für Europa, 2017) enthält eine Reihe von Formulierungen, mit denen ihr Heimatland in der Europäischen Union häufig charakterisiert wird.

Esinencu lebt in Chişinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, die, wie ihr Schreiben nahelegt, zwar das Land ist, in dem sie 1978 geboren wurde, andererseits aber auch nicht. Das aktuelle Stück wurde in dem Wissen um die komplexe Vergangenheit des Landes geschrieben, beißend ironisch heißt es darin: „Danke, Europa, dass du uns irgendwie ja auch für Europa hältst“.

Schon FUCK YOU Eu.ro.pa!, das Stück, mit dem ihr 2003 der Durchbruch gelang, ließ Esinencus kompromisslosen Blick und unverwechselbare Stimme erkennen. Es ist die kritische, humorvolle und letztlich tragische Antwort auf die Frage: „Was hat mein Land für mich getan, und wie habe ich mich dafür erkenntlich gezeigt?“, die der damalige Premierminister im Rahmen eines Essay-Wettbewerbs beantwortet wissen wollte. Das Stück wurde in der Republik Moldau und Rumänien zunächst zensiert und später unter dem entschärften Titel Stopp Europa gefeiert. Es ruft noch immer Kontroversen hervor, wann immer es aufgeführt wird. Die Themen dieses Werks treiben Esinencu weiterhin um: die schwierige Beziehung zwischen der Republik Moldau und der EU, zwischen Europa und der Welt, zwischen Individuum und Staat, zwischen Kapitalismus und allen anderen Gesellschaftsvisionen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Esinencu verbindet das Dokumentarische mit dem Poetischen und übersetzt akribisch recherchierte Fakten in eine dichte, rhythmische Sprache. Für Clear History (dt. Premiere 2012), ein Stück über Holocaustleugnung in der Republik Moldau, verbindet sie Archivmaterialien mit Augenzeugenberichten. „Das Problem“, sagt sie, „besteht darin, dass wir keinen funktionierenden Zugang zu unserer eigenen Geschichte haben“.

2007 gründete Esinencu mit Unterstützung der Akademie Schloss Solitude das Mobile European Trailer Theatre (METT). Ziel war es, die moldauische Theaterszene zu beleben und unkonventionellen Ausdrucksformen nachzugehen, die der Verschränkung von Kultur und Kapitalismus etwas entgegensetzen – und der Praxis von regelrechten ›Künstler-UnternehmerInnen‹, die auf InvestorInnen angewiesen sind. Obwohl Esinencu an der Inszenierung ihrer Stücke oft beteiligt ist, betont sie: „Ich wollte nie Regisseurin werden und halte mich noch immer für keine. Ich wollte immer mit SchauspielerInnen und bildenden KünstlerInnen zusammenarbeiten […] Ich denke nie darüber nach, wie ich ein Stück auf der Bühne inszenieren könnte. Am wichtigsten ist für mich, was ich zu sagen habe.“ In Chişinău selbst konnte METT aufgrund fehlender Fördergelder nicht dauerhaft aktiv werden. 2010 gründete Esinencu mit einer Reihe von MitstreiterInnen das Kollektiv Teatru-spălătorie (Wäscherei-Theater).

Parallel dazu hat Esinencu weitere Stücke geschrieben, die sich durch Scharfsinn sowie Tempo- und Erkenntnisreichtum auszeichnen und international aufgeführt und ausgezeichnet wurden. Stücke, die in der Republik Moldau spielen, thematisieren Entwicklungen globalen Ausmaßes: Privatisierung, Deregulierung, Austerität. Ein Monolog aus Esinencus Feder gipfelt angesichts der verheerenden Konsequenzen, die freie Märkte und ausländische Investitionen mit sich brachten, in den Worten: „Glückwunsch, Moldawien, zu deiner Unabhängigkeit!“

Text: Priya Basil
Übersetzung: Gregor Runge

Vergangen

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