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Literatur birgt Geheimnisse, doch nicht alle Geheimnisse sind gleicher Natur. In den Romanen des kanadischen Autors André Alexis sind es weder unergründliche Mysterien noch unlösbare Rätsel, die den literarischen Zauber befeuern. Wie überall dort, wo gelangweilte Götter arglosen Vorstadthunden die Gabe des Denkens und Sprechens aufbürden, wo Bürgermeister einmal jährlich auf dem Wasser laufen und sprechende Schafe den bröckelnden Glauben skeptischer Priester erneuern, ist das Attribut des „Magischen Realismus“ schnell zur Hand. Alexis weist es entschieden von sich. Zurecht, denn: „Days by Moonlight ist kein Werk des Realismus. Es bedient sich nicht der Fantasie, um die Wirklichkeit zu zeigen, sondern der Wirklichkeit, um die Fantasie zu zeigen.“ Das schreibt der Autor im Nachwort zu seinem aktuell letzten Roman, und es lässt sich ohne Weiteres auf sein restliches Werk übertragen.

Days by Moonlight (2019) ist nach Pastoral (2014), Fifteen Dogs (2015) und The Hidden Keys (2016) der vierte Teil der sogenannten Quincunx-Serie, deren fünfter, abschließender Band noch aussteht. Und obwohl jeder der Romane die Ergründung eines großen Themas – Glaube, Ort, Liebe, Macht und Hass – verspricht, bringt kein thematisches Label auf den Begriff, was in diesen wilden und wildernden Romanen geschieht, die mit so viel philosophischem Witz, Hintersinn und einer unzähmbaren Lust an der Improvisation geschrieben sind, als würde sich der Autor beim Schreiben permanent selbst überlisten.

Quincunx beschreibt die symmetrische Anordnung der fünf Augen auf einem Würfel, und wenn manch ein/e spirituell veranlagte/r NaturwissenschaftlerIn noch immer glauben mag, Gott würfele nicht, scheint er bei Alexis kaum etwas anderes zu tun. So findet der in Trinidad geborene Autor seine kleinen Wunder und Geheimnisse im Neuarrangieren des Altbekannten und inmitten liebenswürdiger Eigenbrötler, die sich trotz all ihrer Ecken und Kanten am Ende doch nahtlos in die unaufdringliche, aber unerschöpfliche Landschaft einfügen. Eine sehr kanadische Landschaft ist das, in die Alexis seine metaphysischen Lausbubenstreiche verpflanzt, ein verzweigter Archipel exzentrischer Klein- und Kleinststädte im Süden Ontarios, Orte, „an denen es fünf Tage die Woche regnet, auch dann, wenn es überhaupt nicht regnet“.

Und immer sind die Götter nicht weit. In Fifteen Dogs, das auch in deutscher Übersetzung (2016) vorliegt, sitzen sie am Tresen in Toronto und hören den neuerdings sprachbegabten Hunden beim Dichten zu. In Pastoral haben sie es sich im flauschigen Fell verdächtig dreinblickender Schafe gemütlich gemacht. Und in Days by Moonlight atmet ihr Geist aus psychotropen fiktionalen Pflanzen wie der essbaren oniaten grandiflora, die aussieht wie eine Hand aus fünf arthritischen Fingern und beim Reinbeißen knackt wie Brathähnchen.
So treten die LeserInnen am Ende aus Alexis Büchern heraus wie deren skeptische Gemüter aus ihren transformativen Erfahrungen: weniger zum Glauben bekehrt als „auf eine neue Art und Weise irreligiös“. Denn außer Saufen und Würfeln tun die Götter vor allem eins: schlafen. „Wenn Gott aufwacht, verschwinden wir“, raunt es an einer denkwürdigen Stelle. Hoffen wir also, dass die Götter noch länger in ihrem dogmatischen Schlummer verharren, damit wir noch eine Weile weiter in solchen Romanen lesen – und leben – dürfen.

Text: Samir Sellami

Foto: Jasper Kettner


Bibliografie (Auswahl):

Kindheit
Claassen
München, 2000 [Ü: Henning Ahrens]

Asylum
McClelland & Stewart
Toronto, 2008

Pastoral
Coach House Books
Toronto, 2014

Fifteen Dogs
Coach House Books
Toronto, 2015
Fünfzehn Hunde
Tiamat
Berlin, 2016 [Ü: Norbert Hofmann]

The Hidden Keys
Coach House Books
Toronto, 2016

Days by Moonlight
Coach House Books
Toronto, 2019



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