Myanmar, Bildende Künste, 2022, in Berlin

Zoncy
Heavenly

Foto: Jasper Kettner

Zoncy Heavenly ist Künstlerin aus leidenschaftlicher Überzeugung. Jedes Projekt, das sie in Angriff nimmt, basiert auf der Gewissheit, dass KünstlerInnen die Verantwortung haben, ihre sozialen und politischen Netzwerke zu aktivieren, um einen Wandel zu bewirken – in der Gesellschaft wie in sich selbst. Ihren ersten Zugang zur Kunstszene von Yangon erhielt sie über den New Zero Art Space, eine 2008 gegründete Plattform, die junge KünstlerInnen an zeitgenössische Kunst und Performance heranführt. Zoncy verfügt über eine Affinität zu Live- und Aktions-Kunst sowie die nötige Entschlossenheit, drängenden Fragen zu feministischen Themen und den Kämpfen ethnischer Minderheiten in ihrem Heimatland Myanmar nachzugehen. Durch ihre mutige und direkte Verbindung zum Publikum beeindruckt sie nicht nur ihre KünstlerkollegInnen.
Unter ihren Arbeiten besonders hervorzuheben ist ihr Langzeitprojekt „Unknown Women“. Schon die Titel früherer Performances dieser Serie spiegeln das Einfühlungsvermögen wider, das Zoncy Frauen auf der ganzen Welt entgegenbringt: Unwanted Pregnancy; Cowardly Feminist; Pridefully in Womanhood. In einem Interview mit der Galerie Intersections beschreibt Zoncy den Kontext von Unknown Women 03: Queens of Nature: „Ich beschäftigte mich mit Blumengesichtern. In Werken der Literatur, Musik oder Kunst werden Frauen häufig als Blumen dargestellt. Der Ehebruch von Frauen wird als die Blüte einer Blume dargestellt, und ähnlich klischeehaft wird eine zerpflückte Blume bemüht, wenn eine Frau sexuell missbraucht wurde. Die zerrupfte Blume ist ebenso ein Objekt wie ihr Körper, der durch den Missbrauch objektiviert wird. Ein weiteres bewegendes Stück aus der „Unknown“-Serie ist WHO? – eine erschütternde Performance-Aktion, die Gerechtigkeit für zwei Lehrerinnen aus Kachin fordert, die 2015 mutmaßlich von burmesischen Soldaten vergewaltigt und ermordet wurden. In der Performance weint und klagt die Künstlerin, um dem Gefühl vieler Menschen Ausdruck zu verleihen, als sie von diesem Verbrechen erfuhren.
Neben ihrer Tätigkeit als Performerin ist Zoncy auch Archivarin, Aktivistin, Organisatorin und Managerin. Gemeinsam mit FreundInnen gründete sie 2013 die Diverze Youth Art Platform, teilweise als Reaktion auf die wachsenden religiösen und ethnischen Spannungen in Myanmar. Diverze dient auch als Plattform für die Mittelbeschaffung in einem Land, in dem es nur wenige internationale institutionelle Fördermittel und überhaupt keine von der herrschenden Regierung gibt. Sie spricht auf Konferenzen zu den Themen community building, Architektur und Kultur. Die Themen ihrer Fotoserien, Installationen und Gemälde reichen vom Bauerndorf ihres Vaters im Südosten Myanmars bis hin zu einer begehrten Geckoart die aufgrund von Wilderei für abergläubische medizinische Zwecke auszusterben droht.
Zoncy ist eine äußerst vielseitige Künstlerin, doch sie wählt bewusst aus, um ihrem tiefliegenden Bedürfnis nachzukommen, sich für die Ausgegrenzten einzusetzen. Ihre persönliche Erfahrung, in einer multireligiösen, multiethnischen Familie in einem Land aufzuwachsen, in dem ein mehrheitlich burmesisch-buddhistisches Militär seine eigenen BürgerInnen ausbeutet, treibt ihre Kunst an. Ihre kritische Stimme ist unverzichtbar, denn die Geschichte in Myanmar wiederholt sich, und so viele Menschen laufen Gefahr, die Hoffnung endgültig zu verlieren. Ihre Arbeit lässt sich in einen größeren Kontext einordnen: den eines gemeinsamen Kampfes und einer gemeinschaftlichen Menschlichkeit sowie des Aktivismus in der künstlerischen Praxis.

Text: Nathalie Johnston
Übersetzung: Anna Jäger

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