Palästina / USA, Bildende Künste, 2021, in Berlin

Shadi
Habib Allah

Shadi Habib Allah, "70 Days Behind Inventory" (2018). Foto: Alan Dimmick

Zum ersten Mal sah ich Shadi Habib Allahs in der Öffentlichkeit ausgestellte Arbeiten im Herbst 2009 an der Columbia University anlässlich des Tags der offenen Ateliers. Er hatte eine komplexe Arbeit in einem der Toilettenräume installiert, die vom Flur des Ateliergebäudes abgingen. Shadi Habib Allah hatte einen der in der Institution verwendeten Metall-Klappstühle so verschweißt, dass er fließendes Wasser durch ein Bein hinein, an der Rückenlehne entlang und auf der anderen Seite wieder aus dem Bein heraus führen konnte. Anschließend leitete er eines der freiliegenden Wasserrohre in das veränderte Stuhlbein um und schloss die andere Seite des Stuhls an das abgehende Rohr an. Eine visuelle Metapher.

Shadi Habib Allah ist weder Ethnograph noch Fremder. Er begegnet seinen Themen kenntnisreich und voller Mitgefühl, was ihm erlaubt, sich selbst in die Motive seiner zeitbasierten Arbeiten einzubeziehen. Er bewahrt das Mysterium und die Nuancen seiner Themen durch anhaltende Nähe. Was Shadi Habib Allah auch vom ethnographischen Beobachter unterscheidet, ist seine Bereitschaft, die Regeln der dokumentarischen Praxis zu brechen, indem er Skripte, Set-Produktion und Effekte zu unverstellten Situationen mit Nicht-Schauspielern in ihrer realen Umgebung entwickelt.

Eineinhalb Jahre lang reiste und zeltete Shadi Habib Allah mit Beduinen, die Raketenwerfer und Sturmgewehre auf dem Rücksitz ihres Toyota-Pickups mit zerbrochener Windschutzscheibe mitführten. Diese Expedition resultierte in dem Video Daga’a (2015), eine Videoarbeit mit malerischer Dimension. Massive Wüstenaufnahmen sprechen von Farbe und Licht und lassen die ProtagonistInnen oft wie Chamäleons in der Umgebung verschwinden. Einige der stimmungsvollen Szenen mit Figuren in der Landschaft zeigen weite, brutale und erhabene Panoramen, die an Gemälde von Caspar David Friedrich erinnern. Zugleich ermöglicht die Art der Montage, dass ästhetische Vorstellungen eine lineare Erzählung überwältigen.

Bei Dreharbeiten in Miami entdeckte Habib Allah, dass die örtliche Bodega, die er häufig besuchte, ihren Kunden eine Zweitfunktion für deren Lebensmittelmarken anbot: sie wurden zu behelfsmäßige Bankkarten umfunktioniert. Die Verkäufer berechneten die Beträge sorgfältig, so dass die Bargeldabhebungen wie rechtmäßige Lebensmitteleinkäufe aussahen. Da neue Großmärkte in der Gegend das Überleben der in der Nachbarschaft angesiedelten Bodegas bedrohten, hatten der Ladenbesitzer und die Kunden eine Taktik entwickelt, die beiden besser passte: Sie setzten die Beihilfen für verschiedene Bedürfnisse ein. Shadi Habib Allah kombinierte diese Recherche mit einem Tonstück, das aus einer Folge der Oprah Winfrey Show aus den 1980er Jahren stammt, in der es darum ging, wie Sozialhilfeempfänger in der Öffentlichkeit aussehen sollten, um einen Anspruch auf Hilfsleistungen zu haben. Die daraus resultierenden Ausstellungen in der Renaissance Society (Chicago) und im Hammer Museum (Los Angeles) zeigten Wege auf, wie der Mensch in einer repressiven Substruktur Legitimation inszenieren und darstellen kann.

Text: Walter Smith
Übersetzung: Anna Jäger

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