USA, Literatur, 2022

Maaza
Mengiste

Foto: Nina Subin

Zeit steht im Mittelpunkt von Maaza Mengistes Leben und Werk. 1971 in Addis Abeba geboren, veröffentlichte sie 2010 ihren ersten Roman Beneath the Lion’s Gaze (dt. Unter den Augen des Löwen, 2012). Obwohl sie die Wirkung von Worten bereits im Alter von sechs Jahren entdeckte, als sie Englisch lesen lernte, zog ihre Familie das Schreiben nicht als Beruf in Betracht. Sie wurde zunächst Unternehmensberaterin, vergaß jedoch nie das intensive Gefühl, bei jeder Lektüre „in ein Gespräch einzutreten, das vor Tausenden von Jahren begann, und diesem Etwas gegenüberzustehen, das größer als man selbst ist“. Und sie hörte nie auf zu lesen: afrikanische AutorInnen wie Aminata Sow Fall, Mariama Bâ, oder Ousmane Sembène, ebenso wie Eine Geschichte aus Zwei Städten von Charles Dickens oder Homers Ilias. Romane und Gedichte, die Revolutionen, Ängste, Migration, Kriege beschreiben – Dinge, die sie in ihrer Kindheit erlebte, über die ihre Eltern aber nie sprachen.

1975 verließ ihre Familie Äthiopien, nachdem Haile Selassie gestürzt worden war und suchte Zuflucht in verschiedenen afrikanischen Ländern, bevor sie in die USA zog. Noch heute erinnert sich Mengiste an die Soldaten, die Panzer und die Verhaftungen, an ihre vielen Fragen und das Schweigen der Eltern. Sie suchte Bibliotheken auf, um über den äthiopischen Bürgerkrieg zu recherchieren – ohne Erfolg. Also griff sie auf Veröffentlichungen über andere Revolutionen – in China, Kuba oder im Iran – zurück. Das Scheitern ihrer Suche weckte in ihr das Bedürfnis, selbst zu schreiben.
2007 schloss Mengiste ihr Studium in kreativem Schreiben an der University of New York ab. Ihr erster Roman skizziert nicht nur den Alltag einer Familie nach dem Militärputsch, sondern ist eine Art „Chor“, in dem die Figuren ihre Erfahrungen miteinander teilen, einer überlegenen Macht unterworfen zu sein. Nach seiner Erstveröffentlichung auf Englisch wurde Beneath the Lion’s Gaze in mehrere Sprachen übersetzt.

Knapp zehn Jahre vergingen bis zur Veröffentlichung ihres zweiten Buches, The Shadow King (dt. Der Schattenkönig, 2021), das 2020 auf der Shortlist für den Booker Prize stand. Um diese Geschichte des äthiopischen Widerstands gegen die Invasion von Benito Mussolinis Armee im Jahr 1935 zu schreiben, verbrachte sie ein Jahr in Italien, unterstützt durch ein Fulbright-Stipendium. Dort forschte sie in Archiven, befragte die Nachkommen italienischer Soldaten und entdeckte auf den Flohmärkten der Stadt Fotos, Tagebücher und Gegenstände aus dieser Zeit. In einem Artikel der New York Times aus dem Jahr 1935 las sie die Geschichte über eine äthiopische Frau, die zweitausend Männer in den Kampf geführt hatte. Sie fand heraus, dass äthiopische Frauen tapfer gekämpft hatten, aber in Vergessenheit geraten waren. Als sie ihrer Mutter davon erzählte, erfuhr sie, dass ihre Urgroßmutter ebenfalls an diesen Kämpfen teilgenommen hatte. Auch The Shadow King funktioniert als „Chor“: Wir hören die Stimmen der Vergessenen, der äthiopischen Bevölkerung, der Ascaris (eritreische Soldaten, die auf der Seite der Italiener kämpften) sowie die Stimme eines faschistischen Obersts.

Mengiste hat an Institutionen wie dem Queens College der City University New York, dem Lewis Center for the Arts der Princeton University und der Wesleyan University unterrichtet. 2020 war sie Writer in Residence in Zürich, einem Angebot des Vereins „Writers in Residence“, des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG. Sie wurde unter anderem mit einem Guggenheim-Stipendium, einem American Academy of Arts and Letters Award und einem Fulbright-Stipendium ausgezeichnet. Überdies hat sie mit Words Without Borders zusammengearbeitet und zahlreiche Essays in Publikationen wie Granta, The Guardian und Literary Hub veröffentlicht.

Text: Gladys Marivat
Übersetzung: Anna Jäger

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