Großbritannien, Literatur, 2022, in Berlin

Jay
Bernard

Photo: Courtesy of the artist

Anfang 2021 wurde Jay Bernard* vom britischen Literaturmagazin Granta interviewt und antwortete auf die Frage nach der Auszeichnung mit dem 2020 Sunday Times/University of Warwick Young Writer of the Year Award für den Debütgedichtband Surge: „Für mich persönlich ist es natürlich erfreulich, doch gleichzeitig ist es ein seltsames Jahr für einen solchen Preis. Ich bin hin- und hergerissen, weil so viele andere gerade schwer zu kämpfen haben. Während einer Pandemie einen Geldpreis zu erhalten, das ist schon merkwürdig. Lustigerweise werde ich häufig gefragt, was ich damit machen will. Ganz ehrlich? Jeder Penny fließt in die Miete.“

Jay Bernard wurde in Westminster im Zentrum von London geboren und wuchs in Croydon, einem Vorort im Süden von London, auf. Bereits zu Beginn zeichnete sich Jays künstlerische Schaffen durch einen fast schon ganzheitlichen Ansatz aus, der Dichtung, audiovisuelle Kunst, Illustration, Theater, Archivarbeit und Filmkuration (wie bei Flare, dem Londoner LGBTQIA+ Filmfestival des British Film Institute) umfasst.

Jays Illustrationen und grafischen Arbeiten erschienen unter anderem auf dem Cover von Black Britain: Beyond Definition, einer Sonderausgabe der Zeitschrift Wasafiri, die von der Booker-Preisträgerin Bernardine Evaristo herausgegeben wurde, sowie in Jays eigenen Gedichtbänden Your Sign is Cuckoo, Girl, English Breakfast und The Red and Yellow Nothing. 2016 war Jay Writer in Residence am George Padmore Institute im Norden Londons, einem Archiv mit Sammlungen zu Schwarzen Communitys karibischer, afrikanischer und asiatischer Herkunft in Großbritannien und Kontinentaleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele Gedichte in Surge wurden von der Beschäftigung mit diesem Archiv angeregt. Jays Filme und audiovisuelle Installationen waren in Kunsträumen in ganz Großbritannien zu sehen, vom Glasgower Centre for Contemporary Arts über die Tate Britain bis hin zu The Serpentine in London.

„Fluidität“, wie der Literaturkritiker und Wissenschaftler Dave Coates feststellt, „ist für Bernards Ästhetik von grundlegender Bedeutung ist.“ In der Tat überschreitet Jays Werk Genres, Themen und Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber es ist die Politik – die persönliche wie die öffentliche –, die sich durch das Werk zieht, und dabei Themen wie rassifizierte Ungerechtigkeit und Schwarze queere Politik ebenso behandelt wie Familienbeziehungen, staatliche Überwachung und alles, was sich dazwischen befindet. Dieser facettenreiche künstlerische Ansatz macht Jay Bernard zu einem so aufregenden wie inspirierenden Talent.

*Jay Bernard identifiziert sich als nicht-binär und verwendet im Englischen die Pronomen „they/them“. Da es im Deutschen keine entsprechende Sprachregelung gibt, lässt sich dem nicht Rechnung tragen, sondern lediglich auf Pronomen verzichten.

Text: Sharmilla Beezmohun
Übersetzung: Anna Jäger

Surge
Chatto & Windus, London, 2019 

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