Indonesien, Musik & Klang, 2024
Jay
Afrisando
Jay Afrisando beschreibt sich selbst als Komponist und multimedialen Künstler. Noch zutreffender könnte es sein, ihn als multisensorischen Künstler zu beschreiben. Mit seinem interaktive Installationen, Musiktheater und Filmkunst umfassenden Werk lockt er sein Publikum in eine sinnliche Vielfalt, in dem er diese schlicht, und radikal, einbezieht.
In different types of _______ (uraufgeführt 2023 von Zeitgeist) erblüht ein Klangtagebuch mit taktilen und visuellen Element. Im Austausch mit den gehörlosen HörerInnen Joan Harris Stephan und Gary Stephan sowie der hörbehinderten Miriam Gerberg werden im Stück Objekte, Beschriftungen und Licht eingesetzt. Zusätzlich ist das Publikum eingeladen, während der Aufführung die Instrumente zu benutzen.
Afrisandos Kreativität ist bewusst einladend. Er bezeichnet sich als neurodivergent und setzt Maßnahmen für Barrierefreiheit als künstlerische Werkzeuge ein. Die bewegten Schwarz-Weiß-Bilder im Mehrkanalfilm In Which to Trust? (erstmals 2023 in der Curb Appeal Gallery gezeigt) werden von Audiokommentierungen begleitet. Fünf verschiedene akustische Erfahrungen sind beleuchtet, wovon jede auf ihre eigene Weise lebendig ist und die ZuschauerInnen dazu animiert, darüber nachzudenken, worauf man sich bei der Beschreibung von Klang verlassen kann: auf die Berichte von anderen, auf das eigene Gedächtnis, oder an etwas ganz anderes?
Bei der Entwicklung seiner Ideen konsultiert der leidenschaftlich neugierige Afrisando sowohl ExpertInnen als auch die Öffentlichkeit. Er studierte Literatur, Typografie, Videografie, Gebärdensprache und andere Kommunikationsformen, die alle in seine Kunst einfließen. Daraus entstehen Kunstwerke, die unser Verständnis von den uns umgebenden Sinneserfahrungen erweitern und bereichern.
Für Embodied Music Club (erstmals 2023 bei Sound Scene aufgeführt) statteten Afrisando und seine KollegInnen einen Tisch mit taktilen grafischen Partituren aus, die Kringel, Streifen und Smileys enthalten. Gehören Untertitel in Tinte und Brailleschrift dazu, wie auch Audio-Interpretationen von vier sehbehinderten ZuhörerInnen. Der für gehörlose und blinde BesucherInnen zugängliche Embodied Music Club kann mit den Fingerspitzen, den Ohren und den Augen erlebt werden. Das Publikum wird ermutigt, die Vielfalt der Formen, Texturen, Klänge und Erfahrungen zu erkunden, die den „Club“ ausmachen.
Afrisandos Kunstwerke regen nicht nur zum Nachdenken an, sie sind oft auch spielerisch. In [opera captions] (uraufgeführt 2023 von thingNY am HERE Arts Center) fragt er: „Was wäre, wenn die Untertitel im Mittelpunkt stünden und nicht die SchauspielerInnen, die sie interpretieren?“ Das Werk ist eine unbeschwerte Untersuchung des „Lebens“ von Untertiteln, die über ihre üblichen zwei Dimensionen hinaus aktiviert werden.
Afrisando wurde in Indonesien geboren, wo er auch aufwuchs. Seiner Mutter und ihrer Liebe zu Karaoke verdankt er, dass er schon früh Freude an der Musik fand. Später studierte er Komposition am Institut Seni Indonesia Yogyakarta und setzte sein Studium der Musikkomposition und Disability Studies an der University of Minnesota fort. Afrisando ist derzeit Assistenzprofessor für Musik an der University of California, Santa Cruz, und arbeitet an interdisziplinären Werken, die die Sinne anregen.
Text: Jocelyn Frank
Übersetzung: Anna Jäger
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Jay Afrisando: Im Gespräch, 2025
Dieses semi-dokumentarische Video zeigt Jay Afrisandos Aktivitäten und Kooperationen mit Berliner KünstlerInnen und Communities während seines Fellowships mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD in 2024-25, darunter Dokumentationen von:
- der Pop-up-Ausstellung in der daadgalerie (Foto: Eunice Maurice / DAAD Artists-in-Berlin, Video: HENCI – Media Endeavors),
- Workshops bei Refuge Worldwide (Foto: mkz / Refuge Worldwide) und der Nürtinger Grundschule,
- Vorträgen an der Universität der Künste Berlin (Foto: Georg Klein / UdK Berlin), der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universiteit van Amsterdam und der University of Salford (Foto: Terry Perdanawati) sowie
- Aufführungen bei Folk U Monday in der daadgalerie, sōydivision Selector im KWIA Berlin und TanzFaktur Köln.
Außerdem enthält dieser Dokumentarfilm Video- und Fotodokumentationen von gemeinsamen Workshops, Treffen und Aufführungen mit der Schriftstellerin Simoné Goldschmidt-Lechner, den Künstlern Saverio Cantoni, Dea Karina, Ariel Orah (sōydivision) und Morgan Sully (L-KW / sōydivision) (Foto: Terry Perdanawati) sowie der Choreografin und Tänzerin Siska Aprisia.
Jay Afrisando möchte außerdem Kate Brehme (Berlinklusion), Christine Sun Kim, Kenny Fries, Marco Donnarumma, Gascia Ouzounian (Universität Oxford), Kirsten Reese und Georg Klein (UdK Berlin), Mats Küssner (Humboldt-Universität zu Berlin), Leona Ojake (Refuge Worldwide), Sickness Affinity Group, Steven Solbrig, Dirk Sorge (Berlinklusion), Gaia Martino, Coila-Leah Enderstein, Molly Joyce, Carsten Cremer (Kulturagent:innen), den SchülerInnen der Nürtingen-Grundschule Kreuzberg Klasse 456A (und ihrer Lehrerin Wiebke Janzen) sowie den SchülerInnen der Willkommensschule WiKo TXL P10 (und ihren Lehrerinnen Tiantian Wang, Carola Drees und Shorena Ghonghadze), Agustin Genoud (Fellow Musik und Klang 2024), Dmytro Fedorenko, Khavn (Fellow Film 2024), Achinette Villamor, Silvia Fehrmann (Direktorin, Berliner Künstlerprogramm), Dahlia Borsche (Leiterin Musik und Klang), Sebastian Dürer (Projektassistent für Musik und Klang), Mathias Zeiske (Leiter Literatur und Film) und dem gesamten Team vom Berliner Künstlerprogramm für ihren herzlichen Empfang, ihre Zeit, die Gespräche, die Zusammenarbeit, die Einblicke und die Fürsorge während seines Fellowships danken.
Dieses Video ist nicht als Abschiedsvideo gedacht, sondern als Versprechen, dass die Gespräche, die Jay mit Berlin geführt hat, nicht enden werden, obwohl seine Residenzzeit vorbei ist.