Bosnien-Herzegowina, Literatur, 2022, in Berlin

Faruk
Šehić

Foto: Jasper Kettner

„Hätte ich genug Geld würde ich mich nach Berlin schicken / Per DHL oder FedEx“, erklärt der bosnische Schriftsteller Faruk Šehić in seinem Gedicht Emigrantski soul (dt. Emigrantensoul). Das Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD wird dem Autor hoffentlich auf menschenfreundlichere Weise ermöglichen, sein Ziel zu erreichen. Warum will Šehić unbedingt in die deutsche Hauptstadt fliehen? Er erläutert: „Berlin ist eine Stadt in der du von zu viel Geschichte kein Kopfweh bekommst.“

Der 1970 in Bihać geborene Šehić war zweiundzwanzig Jahre alt und Student der Veterinärmedizin in Zagreb, als der Krieg in Bosnien ausbrach und „das goldene Zeitalter der Südslawen“, wie er Jugoslawien nennt, beendete. Šehić meldete sich zur bosnischen Armee und führte eine Einheit von 130 Mann an. Diese Erfahrung hat seine Literatur, die in Bosnien und im gesamten ehemaligen Jugoslawien inzwischen Kultstatus genießt, stark geprägt.

Den Krieg behandelt Šehić in seinem Debütband Pjesme u nastajanju (Gedichte im Entstehen) aus dem Jahr 2000 sowie in seinem ersten Kurzgeschichtenband Pod pritiskom (Unter Druck), der vier Jahre später erschien. „Wir gehen zwischen abgebrannten Häusern hindurch“, schreibt er in der titelgebenden Geschichte. „Die Kolonne schleppt sich an schiefen Zäunen vorüber. Der Schlamm klebt an den Stiefeln und dehnt sich wie Teig. Frontlinien, die man zum ersten Mal betritt, sind die schönsten. Alles ist neu, ungewöhnlich und verdammt kitzlig.“ Während diese Sammlung explizite Szenen aus dem Leben in den Schützengräben enthält, befassen sich andere Bücher mit den Aus- und Nachwirkungen des Krieges abseits des Schlachtfelds.

Šehićs jüngstes Buch, die 2021 erschienene Novelle Greta, folgt einer älteren Frau, die gemeinsam mit ihren NachbarInnen vor dem Krieg zu fliehen versucht. Sein 2013 mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichneter Debütroman Knjiga o Uni (Buch über die Una) handelt von Nachkriegstraumata und der heilenden Kraft der Natur. Den Kern des fesselnden, poetischen Buches bildet diese eindringliche Gegenüberstellung: „Das Schlachtfeld war eine rohe, harte Tatsache, trotz der Träumereien, die mich in intakte Welten einer vergessenen Vergangenheit entführten. Die Erde wurde wärmer und wärmer. Die Kuh muhte ihr tiefes Klagelied. Morgen würden wir Häuser niederbrennen und Menschen töten, die denselben Namen wie wir trugen.“

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Identität durch Šehićs Schreiben. „Frag mich nicht, wer ich bin, denn das macht mir Angst. Frag mich etwas anderes“, sagt der Erzähler auf der ersten Seite im Buch über die Una. „Die Menschen hier wollen eine einzige [ethnische] Identität haben“, sagte mir Šehić in einem Interview 2021 in Sarajevo, wo er seit den 1990er Jahren als Schriftsteller und Kolumnist für eine überregionale Zeitung lebt und arbeitet. „Aber meine Identität ist fließend.“

Bislang spielen Šehićs Bücher meist in Bosnien. Insofern ist es von Vorteil, dass er das kommende Jahr in Berlin verbringen kann, um an seinem aktuellen Projekt zu arbeiten: einem Science-Fiction-Roman, der in einer Welt ohne Grenzen spielt. Konflikte und Identität beschäftigen ihn auch in diesem Buch, in dem er eine dystopische Nachkriegswelt erschafft: „In Greta sind wir selbst unsere Feinde, während es hier keine Feinde gibt – nur Überlebende.“

Text: Paula Erizanu
Übersetzung: Anna Jäger

Pod pritiskom
Naklada ZORO, Zagreb/Sarajevo, 2004

Under Pressure
Istros Books, London, 2019 (trans. Mirza Purić)

Knjiga o Uni
Buybook/Algoritam, Sarajevo, 2011

Abzeichen aus Fleisch / Orden od mesa
Edition Korrespondenzen, Wien, 2011 (Ü. Hana Stojić)

Moje rijeke
Buybook, Sarajavo, 2014

Priče sa satnim mehanizmom
Buybook/Fraktura, Sarajavo/Zagreb, 2018

Uhrwerkgeschichten
Mimesis Verlag, 2020 (Ü: Elvira Veselinović)

Greta
Buybook, Sarajavo, 2021

Vergangen

zum Seitenanfang