Mexiko, Musik & Klang, 2022, in Berlin

Bárbara
Lázara

Foto: Jasper Kettner

Ihre ersten Erkundungen in den darstellenden Künsten führten Bárbara Lázara 1999 zu Überschneidungen von Live-Präsentationen, Konzerten, Vor-Ort-Aktionen und Performances. Das Werk der 1976 in Mexiko-Stadt geborenen Künstlerin weist mindestens zwei wesentliche Elemente auf, die es hervorheben: die Übersetzung von Möglichkeiten, die der Raum bietet, und das Prinzip der Verwirrung.

Diese Aspekte führen zu einer Reihe von mehrfach verwickelten Interaktionen mit den Instrumenten, die Lázara erforscht und entwickelt und die sich im Laufe der mehr als zwei Jahrzehnte, in denen sie zwischen sämtlichen performativen, klanglichen und diskursiven Elementen des Körpers, der Stimme und des Raums navigiert, immer weiter verschoben und ausgedehnt haben.
Als Dozentin, Performerin und Teilnehmerin an einer Vielzahl von Ausstellungen, Publikationen und Künstlerresidenzen hat Lázara ein Oeuvre geschaffen, das sich in ständigem Wandel und Wachstum befindet. Die Anliegen und kritischen Beobachtungen dieses Werkes verhindern eine eindeutige Einordnung in die künstlerische Landschaft Mexikos – was die Künstlerin nicht davon abhält, einen intensiven Diskurs über die verschiedenen Facetten ihres aktiven Schaffens zu führen, sei es in Form von Tonaufnahmen, Kooperationen oder ortsspezifischen Aktionen.

Im Laufe der Zeit ist Lázaras Arbeit zu einem Schmelztiegel herangewachsen, der groß genug ist, um Gruppenprojekte und kollektive Resonanzen in einem Kunstmuseum zu zeigen (Molde for Tótem, 2018), mittels Echolot und dokumentierten Aktionen über die räumlichen Kapazitäten der Stimme zu reflektieren (Grítenme Piedras, 2019) oder sogar in einen Dialog mit Projekten anderer KünstlerInnen zu treten (Bestias, mit Israel Martínez, 2020). Scheppern, Expressivität und Resonanz münden in einen spektralen Strom, in dem Lázara den Raum, das Unaussprechliche, ja sogar dem Phantasmagorische und Himmlische in einem Drahtseilakt ohne Sicherheitsnetz verbindet – günstige Voraussetzungen also, um kritische Reflexionen über Geschichte, Gender und Erinnerung anzustoßen, bei denen aktive Zuhörer- und -schauerInnen die Möglichkeit haben, einen angeregten Dialog auf verschiedenen Wegen einzugehen, losgelöst vom Zwang, den Worte gewöhnlich mit sich bringen. Die daraus resultierende Erfahrung ist intim und kollektiv, widersprüchlich und kompatibel, und doch in allen Teilen gleichermaßen schlüssig. Lázara begibt sich mit ihrem Publikum auf den Weg zu einem unbekannten Horizont, an dem Überraschung und der Abgrund der Erwartung gerade mal ein Mindestmaß an Sicherheit bieten. So entstehen kraftvolle, freie und schockierende Momente, die oft von den Vorgaben, Schemata und lästigen Angewohnheiten befreit sind, auf die sich Klangforschung und zeitgenössische Performance üblicherweise stützen.

Bárbara Lázara hat ein Werk von kritischer Reflexion geschaffen, das die Funktionen und Möglichkeiten des Zuhörens, Lesens und Wiederlesens sowie des menschlichen oder tierischen Werdens in der Wildnis miteinander verknüpft, ohne die Ordnungen und Festlegungen, die sich häufig aus technischer Virtuosität oder musikalischen Referenzen ergibt. Selbst innerhalb solcher Trennlinien, die die abstrakten darstellenden Künste unweigerlich setzen, ergeben die heftigen Verlagerungen in Bárbara Lázaras Werk immer einen freien Fall der Möglichkeiten.

Text: Ricardo Pineda 
Übersetzung: Anna Jäger

zum Seitenanfang