Polen, Film, 2021, in Berlin

Anna
Zamecka

Foto: Jasper Kettner

Mit ihrem Dokumentarfilm Kommunion gelang der Autorin, Regisseurin und Produzentin Anna Zamecka 2016 ein grandioses Debüt – begründet in ihrem feinen Gespür für die eher flüchtigen Qualitäten dessen, was sie in jedem einzelnen Augenblick umgibt, und flankiert von den kleinen Wendungen des Schicksals. Der Film zeigt eine auf engstem Raum lebende, wirtschaftlich und emotional instabile Familie, im Mittelpunkt stehen zwei außergewöhnliche junge ProtagonistInnen. Es ist die Verknüpfung einer differenzierten und präzisen Filmsprache mit einem einzigartigen Einfühlungsvermögen in die Lage der Geschwister Ola und Nikodem, das Zamecka diese eindringliche Schilderung des Alltäglichen ermöglicht.

Kommunion wurde in nur fünfunddreißig Tagen im Laufe eines Jahres gedreht, überwiegend in einer sehr kleinen Wohnung bei Warschau. Der Film wurde auf über 100 internationalen Festivals und Spielstätten gezeigt und erhielt mehr als vierzig Auszeichnungen, darunter den Europäischen Filmpreis für den besten europäischen Dokumentarfilm 2017, den Preis der Kritikerwoche des Locarno Film Festivals 2016 und den Robert and Frances Flaherty Prize (Grand Prize) beim Yamagata International Documentary Film Festival 2017. Zudem stand er auf der Shortlist für den besten Dokumentarfilm bei den 91. Academy Awards (Oscars®).

Ganz im Sinne des Neorealismus wurde Kommunion nicht wie andere observatorische Arbeiten erst im Schneideraum konstruiert. Das Drehbuch diente als Gerüst, an das sich die „natürlichen“ Rhythmen der Geschichte hängen konnten. Dieser Vorgehen verlangte, in jede einzelne gedrehte Sekunde ein weiteres Mal einzutauchen, um die perfekten Ausschnitte und nonverbalen Hinweise zu finden, die so viel von dem vermitteln, was die ProtagonistInnen erleben – und damit auch das, was das Publikum im Kino mit ihnen erlebt. Diese Art intimer und eindringlicher Porträts ist eine Kunst für sich, und Zamecka hat hier ein besonderes Talent bewiesen.

Die in Warschau geborene Filmemacherin lebt derzeit im Naturschutzgebiet Białowieża an der polnisch-belarussischen Grenze, dem letzten noch verbliebenen Urwald in Europa. Der große Erfolg ihres ersten Films gab ihr die nötige Sicherheit, weiter an den Schwellen zwischen den strengen Genregrenzen zu forschen, und so findet sie bei ihren laufenden und geplanten Projekten immer wieder die perfekte Form, um mit ihren Drehbüchern eine stimmige, flüssige Geschichte zu erzählen. Ihr Hintergrund in Anthropologie und Fotografie, in Verbindung mit einer tiefgründigen Erkundung des Urwaldes, fließt insbesondere in ihr neuestes Projekt ein, das sich noch in einem sehr frühen und entsprechend fragilen Stadium befindet. Deutlich zu erkennen ist schon, wie sehr es mit dem Ort verbunden ist, den sie jetzt ihr Zuhause nennt. „Ich bin an filmischen Versuchen interessiert, die über das anthropozentrische Paradigma hinausgehen. Ich möchte die Welt mit den Sinnen von nicht-menschlichen Wesen betrachten. Aber ist es überhaupt möglich, Zugang zu nicht-menschlichen Perspektiven zu bekommen und nicht-anthropozentrische Geschichten zu erzählen?“ Die Suche nach filmischen Lösungen für diese Perspektiven auf die Welt und überhaupt nach neuen Erzählweisen steht im Mittelpunkt von Zameckas Arbeit, in der sie stets nach neuen Bild- und Klangsprachen sucht, um die Natur und die Arten, mit denen wir unseren Planeten teilen, auf bisher unbekannte und faszinierende Weise darzustellen.

Text: Pamela Cohn
Übersetzung: Anna Jäger

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