Italien, Bildende Kunst, 1964

Emilio
Vedova

Emilio Vedova (geb. 1919 in Venedig, gest. 2006 in Venedig) lebte von Ende 1963 bis Mitte 1965 in Westberlin – er war einer der ersten Gäste des 1963 von der New Yorker Ford Foundation gegründeten internationalen Artist-in-Residence Program, des späteren Berliner Künstlerprogramms des DAAD (ab 1965). Zu diesem Zeitpunkt konnte Vedova bereits auf ein beachtliches Lebenswerk als künstlerischer Aktivist zurückblicken. 1942 schloss er sich der antifaschistischen Künstler- und Literaturgruppe Corrente an. Er war Mitbegründer der Gruppe Nuova Secessione Italiana (später umbenannt in Fronte Nuovo delle Arti), die nach den Erfahrungen der faschistischen Jahre eine Erneuerung der italienischen Kunst anstrebte. Gemeinsam mit Ennio Morlotti und anderen gab er 1946 das Manifest Oltre Guernica (Jenseits Guernica) heraus – die unterzeichnenden Künstler der Fronte Nuovo setzten darin das politische Engagement als selbstverständlich voraus und bekräftigten die Notwendigkeit des Realitätsbezugs und der Wahl der Figuration. 1952 wurde er Mitglied der Gruppo degli Otto, einer Gruppe von acht Malern, die sich als künstlerischer Gegenpol zum Neorealismus formierte. In dieser Zeit entwickelte sich Vedova zu einem der Hauptvertreter der italienischen Informel-Malerei der 1950er und frühen 1960er Jahre. Mitte der 1950er Jahre wandte er sich völlig der abstrakten Malerei zu; nach einer geometrischen Phase folgte die Hinwendung zur gestisch-spontanen informellen Malerei. 1955 war er einer der wenigen zeitgenössischen TeilnehmerInnen der ersten documenta in Kassel, auf der ansonsten hauptsächlich die künstlerische Avantgarde der Vorkriegszeit an ein deutsches Publikum herangeführt wurde. Anfang der 1960er Jahre arbeitete Vedova wie viele KünstlerInnen an der Überwindung und dem Aufbrechen des Tafelbildes in den dreidimensionalen Raum. In Berlin entstand eine Reihe von reliefartigen Assemblagen, in die Vedova Alltagsgegenstände und Zeitungsschnipsel einarbeitete – etwa Berlin ‘64. Das geteilte Berlin war drei Jahre nach dem Mauerbau eine zerrissene Stadt im Aufbruch. In dieser Atmosphäre schuf Vedova eines seiner Hauptwerke, Plurimi die Berlino (Absurdes Berliner Tagebuch ‘64) – ein frühes Environment, das heute als Rauminstallation bezeichnet würde. Die Arbeit entstand für die documenta 3, auf der eine Abteilung „Bild und Skulptur im Raum“ eingerichtet wurde. Die Konstruktion aus zersägten, verschiedenfarbig gestisch bemalten, frei im Raum platzierten, teils miteinander verschnürten oder an Haken in schrägen Winkeln zueinander von der Decke hängenden Holzelementen ist eine Kombination aus seinen früheren Plurimi – in Vedovas eigenen Worten „die Möglichkeit der Mobilität auf den verschiedenen gestischen Ebenen“.

Vedova war seit 1948 Stammgast auf der Venedig Biennale, wo er 1997 den Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk erhielt. Er war Teilnehmer der ersten documenta sowie der documenta 2, 3 und 7.Der Künstler, der seit seinem Stipendium eng mit Berlin verbunden blieb und 1993 zum Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, ernannt wurde, schenkte die monumentale Arbeit Absurdes Berliner Tagebuch ’64 2002 der Berlinischen Galerie, wo sie Anfang 2008, gut ein Jahr nach seinem Tod, in einer umfassenden Einzelausstellung gezeigt wurde und seither eine zentrale Installation der Sammlung ist.

Text: Eva Scharrer

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