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„Wir sind ein mitteilsames Volk. Wir können stundenlang reden, ohne auch nur eine einzige Zeile zu schreiben, denn Schreiben heißt: Verantwortung übernehmen.“ Diese prophetischen Worte einer weisen Frau empfängt Fariba Vafis Titelheldin Tarlan nach der Veröffentlichung ihrer ersten Kurzgeschichte. Sie solle diese Verantwortung annehmen und schreiben, unbedingt, sagt die weise Frau. Doch um schreiben zu können, muss man gelebt haben. An Lebenserfahrung mangelt es der jungen Tarlan kurz nach der iranischen Revolution 1979 noch. Bis sie ihre Stimme als Schriftstellerin findet, ist es ein langer Weg. „Tarlan“ bedeutet Falke auf Azeri, Fariba Vafis erster Sprache. Wie die meisten iranischen SchriftstellerInnen der multiethnischen Gesellschaft schreibt sie auf Persisch, ihrer Zweitsprache. Dass ihre Romane und Kurzgeschichten den Weg vor allem zu ihren Leserinnen finden, ist für Vafi existenziell.

Schon mit ihrem ersten Roman "Parande-ye-man" (2002, dt. Kellervogel, 2013) schaffte sie ein Novum moderner iranischer Autorinnenschaft: balancierend zwischen einer sprachästhetisch reduzierten Erzählung einer Hausfrau und Mutter, die um ein selbstbestimmtes Leben kämpft, verhandelt sie gesellschaftliche Tabus wie entfremdete Mutter-Kind-Beziehungen, unerfüllte Ehen oder die Flucht ins Exil. Dies tut sie leise, den Zensor vorausahnend. Obwohl alle ihre bisher dreizehn Romane und Kurzgeschichtenbände zum Gegenstand der Zensur wurden, konnten sie letztlich zu ihren Leserinnen finden. Frauenfiguren zu erschaffen, die sonst kaum Platz in der postrevolutionären Literatur hätten, Stimmen hörbar zu machen, die sonst stumm blieben, das ist Fariba Vafis Anspruch. Die Verantwortung der Schreibenden als Metaerzählung.

Während sie in Tarlan die Coming-of-Age Story einer angehenden Schriftstellerin vor dem Hintergrund einer Polizistinnen-Kaserne kurz nach der Revolution entwirft, erzählt sie gleichzeitig durch die Biografien der Mit-Kadettinnen, ihrer unterschiedlichen sozialen und ethnischen Herkunft, eine kollektive Biografie der Frauen ihrer Generation. So falkenhaft wie die Heldin ihres Romans, ist die Schriftstellerin selbst eine kluge Beobachterin ihrer Umgebung und Mitmenschen. „Der Stil eines Schriftstellers ist abhängig von seiner Sicht auf das Leben“, hat Fariba Vafi einmal gesagt. Oft analysiert sie Strukturen, die zwischenmenschliche Beziehungen zerstören. „Ich versuche, sie in ihrem Wesen zu erfassen und kritisiere sie. Innerhalb dieser Gemeinschaft, die wir Familie nennen, versuchen Frauen Widerstand zu leisten gegen die Unterdrückung und die Gewalt, der sie oft ausgesetzt sind, um in irgendeiner Form zu einer unabhängigen Identität zu finden.“ Ihr Blick ist sezierend, schonungslos und doch voller Humor.

Vafis Erzählungen sind Mikrokosmen; in ihrer beinahe beiläufigen Poetik erfasst sie Emotionen und Strukturen, die fast immer auch politisch sind. Selten wird sie dabei so explizit wie in ihrem 2013 erschienenen Roman Ba’d az pāyān (Nach dem Ende), in dem sie Zaynab Pasha, eine frühe Frauenrechtlerin und Guerillakämpferin aus Tabriz, Vafis Heimatstadt, als Leitbild für ihre Protagonistin hochhält: „Mama sagte, ich soll Zaynab Pasha in Ehren halten. Dass ich von ihr lernen solle und nicht von ihr selbst, Mama, weil sie ihr Leben lang ein blinder Vogel gewesen sei. Sie war fest davon überzeugt, wie ein blinder Vogel durchs Leben gegangen zu sein. Nicht mal wann, und warum überhaupt sie geheiratet hatte, konnte sie sagen.“

Text: Maryam Aras

Foto: Jasper Kettner


Bibliografie (Auswahl):

Parande-ye-man
Nashr-e-Markaz
Teheran, 2002
Kellervogel
Rotbuch Verlag, 2012
[Ü: Parwin Abkai]
My Bird
Syracuse University Press
Syracuse, 2009 [Transl.: Mahnaz Lousha and Nasrin Jewell]

Razi dar Kucheha (Ein Geheimnis der Straße)
Nashr-e-Markaz
Teheran, 2008
Un secret de rue
Zulma, 2011
[Ü: Christophe Balaÿ]

Tarlan
Nashr-e-Markaz
Teheran, 2006
Sujet, 2015
[Ü: Jutta Himmelreich]

Rowya-ye-Tabbat
Nashr-e-Markaz
Teheran, 2007
Der Traum von Tibet
Sujet, 2018
[Ü: Jutta Himmelreich]

Ba’d az pāyān
Nashr-e-Markaz
Teheran, 2014

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