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Angélica Freitas wurde am 8. April 1973 in Pelotas geboren, einer der südlichsten Städte des südlichsten Bundesstaates von Brasilien, Rio Grande do Sul. Für nicht-brasilianische LeserInnen, die am ehesten mit dem kulturellen Ambiente von Rio de Janeiro oder Salvador vertraut sind, mag das nicht viel mehr als das sein, was eben im Pass steht: Alter und Herkunft. Brasilianische LeserInnen hingegen denken nicht nur an eine bestimmte Zeit, sondern auch an einen ganz bestimmten geografischen und soziokulturellen Raum. Rio Grande do Sul grenzt an Uruguay und Argentinien und teilt mit den Grenzregionen dieser Länder Sitten und Gebräuche, mündliche Überlieferungen und Musik. Und auch eine gewisse Geisteshaltung: das Leben, das sich um die Viehhaltung dreht, der Gaucho und sein Mate. Darüber hinaus natürlich die allmählich verblassenden Geschichten von all dem Blut, das in den zahlreichen Kriegen vergossen wurde, die den Cone Sul, den (ungefähr kegelförmigen) südlichen Teil Südamerikas im 19. Jahrhundert erschütterten: die Kämpfe um die Unabhängigkeit Uruguays, die innerbrasilianische Farroupilha-Revolte – der „Krieg der Zerlumpten“ und der blutigste Krieg von allen, der Paraguay-Krieg, in den neben Paraguay auch Uruguay, Argentinien und Brasilien verwickelt waren. Das alles fand Eingang in die Literatur dieser Länder, beispielsweise in epische Texte wie El gaucho Martín Fierro des Argentiniers José Hernández oder in O Tempo e o Vento des Brasilianers Erico Veríssimo, dem Romanautor der Moderne, der am meisten für den Bundesstaat steht, aus dem Angélica Freitas stammt. Sein Protagonist, der Hauptmann Rodrigo, ist eine Ikone der Männlichkeit, auf die in den offiziellen Bildern der Region immer wieder Bezug genommen wird. Ein Land der Machos: Männer auf Pferden, die ihr Vieh mit dem Lasso einfangen und auf ihren aus Italien, Deutschland und Polen mitgebrachten patriarchalen Traditionen bestehen. All das ist wichtig, um den politischen Impuls in Angélica Freitas’ Werk zu verstehen.

In „ás vezes nos reveses“ („mitunter im malheur“) zeigt sich, wie in Freitas’ Gedichten das Satirische und Lyrische auf eine äußerst interessante, eigenwillige Art verschmelzen:

às vezes nos reveses

às vezes nos reveses
penso em voltar para a england
dos deuses
mas até as inglesas sangram
todos os meses
e mandam her royal highness
à puta que a pariu.
digo: agüenta com altivez
segura o abacaxi com as duas mãos
doura tua tez
sob o sol dos trópicos e talvez
aprenderás a ser feliz
como as pombas da praça matriz
que voam alto
sagazes
e nos alvejam
com suas fezes
às vezes nos reveses


mitunter im malheur

mitunter im malheur
denk ich an rückkehr
ins göttliche england
aber sogar die engländerinnen
bluten monatlich
und schicken ihre royal highness
zum teufel der sie gezeugt hat.
ich sage: ertrag’s mit größe
kau den sauren apfel
streck dein gesicht
in die tropische sonne
und vielleicht
lernst du glücklich zu sein
wie die schlauen
tauben der praça matriz
die von oben
auf uns zielen
mitunter im malheur

(übersetzt von Odile Kennel)

Ein humorvoller und sarkastischer Text, in dem sich im Portugiesischen „England“ auf „bluten“ (england/sangram) reimt, und „highness“ auf „Größe“ (highness/altivez), und in dem die Dichterin mühelos und wirkungsvoll die Register zwischen mündlichem und literarischem Ton wechselt. Oder das Gedicht „sereia a sério“ („wenn schon meerjungfrau“), ebenfalls aus dem Band Rilke Shake (2007):

o cruel era que por mais bela
por mais que os rasgos ostentassem
fidelíssimas genéticas aristocráticas
e as mãos fossem hábeis
no manejo de bordados e frangos assados
e os cabelos atestassem
pentes de tartaruga e grande cuidado

a perplexidade seria sempre
com o rabo da sereia.
(…)

a perplexidade seria sempre
com o rabo da sereia.”
oh grausame welt: so schön sie auch war
so sehr ihre guten taten treue
aristokratische gene bezeugten
so geschickt ihre hände sich zeigten
im umgang mit kreuzstich und grillgut
so sehr ihre haare strahlten
von schonender pflege und schildpattkamm

das problem blieb immer
der fischschwanz
(…)

(übersetzt von Odile Kennel)

Aber der Einstieg dieses Beitrags ruft auch Assoziationen an eine bestimmte Zeit hervor: 1973, als die Dichterin geboren wurde, regierte Brigadegeneral Emiliano Médici im Palácio do Planalto in Brasília mit eiserner Hand. Die Repressionen in Politik und Kultur wurden unter ihm noch verschärft. Er war der dritte Präsident der von 1964 bis 1985 währenden Militärdiktatur. Angélica Freitas wuchs also im vermeintlichen tropischen Frieden eines Landes auf, das für seinen ausgelassenen Karneval bekannt ist, und in einer klimatisch gemäßigten Region. Mit den tropischen Teil Brasiliens teilte sie allerdings die verdrängte und ausgelöschte Geschichte von Massakern an Indigenen, an AfrikanerInnen, die gegen die Sklaverei rebellierten, und an vielen Aufständischen, die für bessere Lebensbedingungen der Minderprivilegierten kämpften. Und inmitten all dieser Repression die ständige Kontrolle der weiblichen Mehrheit der Bevölkerung dieses machistischen, patriarchalischen Landes, der größten katholischen Nation der Welt, durch ebenso heftige wie alltägliche Gewalt gegen weiße, schwarze und indigene Frauen. Eine fühlbare, sichtbare, aber verschwiegene Gewalt in einem Land, das Das Mädchen von Ipanema des Dichters Vinicius de Moraes singt und eine blutige Vergangenheit und Gegenwart aus seiner Geschichte tilgt. Ein Land, das sich lieber weiterhin als Paradies verkauft, ein Paradies allzu oft nur für Männer, die am Sextourismus verdienen oder ihn genießen. Diese Gewalt wird mit messerscharfer Ironie im meistzitierten Gedicht des Bandes um útero é do tamanho de um punho (2012, dt. Der Uterus ist groß wie eine Faust, 2020) thematisiert:

uma mulher sóbria
é uma mulher limpa
uma mulher ébria
é uma mulher suja

dos animais deste mundo
com unhas ou sem unhas
é da mulher ébria e suja
que tudo se aproveita

as orelhas o focinho
a barriga os joelhos
até o rabo em parafuso
os mindinhos os artelhos


eine nüchterne Frau
ist eine saubere Frau
eine betrunkene Frau
ist eine dreckige Frau

von allen Tieren der Welt
mit Krallen oder ohne
ist die betrunkene dreckige Frau
am besten verwertbar

die Ohren das Maul
der Bauch die Knie
ja bis hin zum Ringelschwänzchen
dem kleinen Finger den Knöcheln

(übersetzt von Odile Kennel)

Erregte vor dem skizzierten Hintergrund schon Angélica Freitas’ Debüt Rilke Shake 2007 große Aufmerksamkeit, so gilt das erst recht für ihren gefeierten zweiten Band um útero é do tamanho de um punho. In Kürze erscheint ihr dritter Band canções de atormentar (Qualenlieder) beim renommierten Verlag Companhia das Letras. Die Titel ihrer Bücher und Gedichte deuten an, auf welche Tradition Angélica Freitas sich bezieht: die der satirischen Dichtung, die im 17. Jahrhundert mit Gregório de Matos am Anfang der portugiesischsprachigen Literatur des Landes steht, gefolgt von Tomás Antônio Gonzaga im 18. Jahrhundert, Sapateiro Silva im 19. Jahrhundert und Oswald de Andrade im 20. Jahrhundert. Seit ein paar Jahren arbeitet Angélica Freitas mit ihrer Frau, der Sängerin und Komponistin Juliana Perdigão, zusammen. Das gemeinsame lyrisch-musikalische Programm trägt den Titel des nächsten Buches von Angélica und spielt auf eine weitere Tradition portugiesischsprachiger Poesie an: die „cantigas de maldizer“ (Fluchlieder) der mittelalterlichen Troubadoure. Eine satirische Tradition also, die die offizielle Scheinheiligkeit der Gemeinschaft kritisierte, in der sie entstand.

Doch bisher habe ich hier nur Männernamen aufgezählt; insofern ist das vielleicht der Moment, um auf einen zentralen Aspekt von Angélica Freitas Werk zu sprechen zu kommen: die Präsenz des weiblichen Körpers in ihren Texten. Als Wegbereiterinnen im 20. Jahrhundert können hier Francisca Júlia, Cecília Meireles oder auch Henriqueta Lisboa genannt werden. Sowohl in Brasilien als auch in Portugal waren es aber vor allem die 1970er Jahre, in denen Dichterinnen wie Ana Cristina Cesar und Maria Velho da Costa die politischen Kämpfe der Frauen von der Straße in die Bücher trugen. Für viele Frauen, die heute in Brasilien schreiben, ist um utero é do tamanho de um punho ein neuer, inspirierender Impuls für die satirische Form im 21. Jahrhundert: kritisch, kraftvoll, entlarvend. Angélica Freitas selbst sagt von sich, dass sie zu denen gehört, die „lieber zu salzsäuren erstarrten“ in Anspielung auf Lots so oft anonym gebliebene Frau.

Text: Ricardo Domeneck
Deutsche Übersetzung: Odile Kennel

Foto: Jasper Kettner

Bibliografie (Auswahl):

Rilke Shake
Cosac Naify
São Paulo, 2007
Rilke Shake
Wiesbaden
luxbooks, 2011
[Ü: Odile Kennel]
Rilke Shake
Phoneme Media
Los Angeles, 2015
[Transl.: Hilary Kaplan]

VERSSchmuggel/Contrabando de Versos
Das Wunderhorn
Heidelberg, 2009
Editora 34
São Paulo und Lissabon, 2009

um útero é do tamanho de um punho
Cosac Naify
São Paulo, 2012
Der Uterus ist groß wie eine Faust
Elif Verlag
Nettetal, 2020
[Ü: Odile Kennel]

canções de atormentar
Companhia das Letras
São Paulo, 2020

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