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Eine der größten formalen Überraschungen in der Bibel findet sich im sechsten Buch des Neuen Testaments, in Paulus’ Römerbrief. Gegen Ende emanzipiert sich der Schreiber vom Autor und stellt sich als „Tertius, der diesen Brief schrieb“ vor. Tertius (wörtlich „der Dritte“ auf Latein) von Iconium fungierte als Paulus’ Sekretär bei dessen längstem Brief. Dieser Schachzug hat im Lauf der Zeit eine breitgefächerte Debatte evoziert, die von narrativer Authentizität (Wer war Tertius? War er Christ? War er ein Sklave? Welche Beziehung hatte er zum Apostel Paul?) bis zur Medienarchäologie (Wurde der Brief zunächst in einer anderen Sprache formuliert und musste übersetzt werden? Waren Schreiber damals üblich?) reicht. All diese Fragen bündeln sich in einer zentralen Überlegung: Welchen Einfluss hat derjenige, der eine Geschichte erzählt, auf ihren Verlauf?

Affonso Uchôas Filme sind nicht durchweg religiös. Zumindest aber beginnt und endet der Film, der am deutlichsten einen Erzähler-Tertius zitiert – in Form des gefundenen Notizbuchs in Arábia (Arabien, 2017, Ko-Regie mit João Dumans) – in der Stadt Ouro Preto, der Wiege der katholischen Barockkunst Brasiliens. Und: Seine Filme zeugen von der Bedeutung einer vermittelnden Instanz, die am Übergang zweier Welten angesiedelt ist. Sie kann ein Charakter sein (wie Andre – Murilo Caliari – in Arábia) oder ein filmisches Mittel (wie die lange Einstellung in Sete Anos em Maio, Sieben Jahre im Mai, 2019), vor allem aber spiegelt sich darin die Position des Filmemachers selbst.

Der 1984 in São Paulo geborene Uchôa war international kaum bekannt, als sein Film Arábia im Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals Rotterdam Premiere feierte, einen globalen Siegeszug antrat und dabei Lorbeeren auf Festivals wie dem Buenos Aires International Festival of Independent Cinema, der Viennale, FIDMarseille und IndieLisboa sowie begeisterte Kritiken erntete. Sein Nachfolger, Sete Anos em Maio, wurde erstmals auf dem Festival Visions du Réel vorgestellt und im internationalen Wettbewerb Burning Lights ausgezeichnet. Seither feierte der Film, trotz seiner ungewöhnlichen Länge von nur 42 Minuten, auf Festivals wie dem Toronto International Film Festival, dem Jeonju International Film Festival und Film Madrid Erfolge.

Schon vor der internationalen Anerkennung hatte Uchôa zwei Spielfilme (A Vizinhança do Tigre, Die Nachbarschaft des Tigers, 2014; und Mulher à Tarde, Nachmittagsfrau, 2010) und zwei Kurzfilme (Desígnio, Gestaltung, 2009; und Ou a Noite Incompleta, Oder die unvollständige Nacht, 2006, Ko-Regie mit Luiz Gabriel Lopes, Maurício Rezende und Priscila Amoni) gedreht, die auf vielen lokalen Festivals gezeigt wurden. Der nun erfolgte große Auftritt im internationalen Kino fällt zusammen mit der Entstehung einer einzigartigen Ästhetik. Uchôa nutzt den cinephilen Formalismus seiner früheren Filme, um in A Vizinhança do Tigre die harte Realität seines treffend benannten Wohnviertels – Nacional in der Stadt Contagem in Minas Gerais – gleichzeitig zu brechen und zu verstärken. Dieser eigenwillige dritte Blick sagt sich von der kreativen Materie der Welt vor seinen Augen los und ist doch in sie verwickelt.
Er schafft Filmen, die der politische Berufung des lateinamerikanischen Kinos neuen Schwung verleihen und es zu einer radikalen Selbstreflexivität drängen, die sich dem Erzählen nicht verweigert, sondern aus dem zerbrechlichen Gewebe des täglichen Lebens schöpft.

Text: Fabio Andrade
Deutsche Übersetzung: Anna Jäger


Filmografie (Auswahl):

Ou a Noite Incompleta
Ko-Regie mit Luiz Gabriel Lopes, Maurício Rezende und Priscila Amoni
(Kurzfilm/Short film, 2006)

Desígnio
(Kurzfilm/Short film, 2009)

Mulher à Tarde
(Spielfilm/Feature Film, 2010)

A Vizinhança do Tigre
(Spielfilm/Feature Film, 2014)

Arábia
Ko-Regie mit João Dumans
(Spielfilm/Feature Film, 2017)

Sete Anos em Maio
(Kurzer Spielfilm/Short feature film, 2019)


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