El Salvador, Bildende Künste, 2026
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The Fire Theory
Das Kollektiv The Fire Theory (TFT) wurde 2010 von Ernesto Bautista in El Salvador als Reaktion auf institutionelle Abhängigkeiten und geringe Fördermittel, die in eine künstlerische Krise mündeten, gegründet. Diese Schwierigkeiten bestehen nach wie vor in einem Land, das bis heute mit den Folgen eines von den USA finanzierten Bürgerkriegs (1980–92) kämpft, der über 75.000 Tote, 5.000 Verschwundene und fast eine Million Vertriebene forderte. Die aktuellen Mitglieder Mauricio Kabistan, Melissa Guevara, Victor Rodriguez und Mauricio Esquivel schlossen sich kurz nach der Gründung an. Obwohl sie während des gewaltsamen Konflikts geboren wurden, sind ihre Erfahrungen stärker von überlieferten Erinnerungen bestimmt – inmitten einer Gesellschaft, die lieber vergisst. Außerdem mussten sie lernen, mit den Konsequenzen eines gescheiterten Friedensprozesses, gebrochenen Versprechen und zunehmender Gewalt in der Nachkriegszeit, darunter Bandenkriminalität, genderbezogene Brutalität und eine erhöhte Verbrechensrate, zu leben. Die Künstler*innen hatten zwar ihre je eigenen, unterschiedlichen Lebenswege verfolgt, teilten aber die Überzeugung, dass bei allen Problemen ein neuerliches gesellschaftliches und politisches Wachstum möglich ist.
Während des Übergangs El Salvadors von einer rechten zur ersten linksgerichteten Regierung ab 2009 kuratierten TFT ihre erste Ausstellung im Museo Municipal Tecleño, einem ehemaligen Gefängnis für politische Gefangene. Ihr Studio in der Altstadt von San Salvador war eine Quelle der Inspiration und der Gemeinschaft, musste jedoch später aufgrund staatlicher Stadtentwicklungsvorhaben schließen, wie auch viele der Geschäfte vor Ort, die verdrängt wurden. Heute ist TFT transnational tätig, und die Praxis der Gruppe aus kuratierten Guerilla-Aktionen, Archivforschung, mündlichen Interviews und gemeinschaftsorientierten sozialen Projekten ist relevanter denn je. Die Methodik basiert auf kollektiver wie persönlicher Entwicklung und gegenseitiger Unterstützung, die es möglich macht, individuelle Kompetenzlücken durch Zusammenarbeit auszugleichen. Im Mittelpunkt stehen Dialog, die Fähigkeit zuzuhören und respektvoller Umgang mit den Mitgliedern der Community – was auch bedeutet, deren Perspektiven in die eigene Arbeit zu integrieren und als Zeugnisse zu bewahren.
Zu den symbolträchtigen Projekten von TFT gehört El Juego (Das Spiel, 2016), ein Fußballspiel zwischen Überlebenden von Massakern, früheren Guerillakämpfern und ehemaligen Soldaten, die sich nach dem Krieg in derselben Gegend niedergelassen hatten. Nachdem sie einst einander bekämpft und versucht hatten, sich gegenseitig umzubringen, spielten sie nun in derselben Mannschaft. TFT führten ausführliche Archivrecherchen und mündliche Interviews durch und produzierten ein dokumentarisches Video, das diese Koexistenz festhält, darüber hinaus aber auch nach neu hinzugekommenen Generationskonflikten der Spieler fragt. In Declaración Negada (Erklärung abgelehnt, 2018) dokumentierte ein Anwalt eidesstattliche Aussagen von Bewohner*innen aus El Espino. Sie berichten von brutalen Zwangsräumungen in diesem geschützten, zu San Salvador gehörigen Waldreservat, die zum Ziel hatten, Platz für Bauvorhaben zu schaffen. Während die Zeug*innenaussagen schriftlich festgehalten wurden, hingen TFT-Mitglieder mit dem Rücken zum Publikum von der Decke des Museums, um die Gleichgültigkeit der Gesellschaft zu kritisieren und die emotionale und rechtliche Relevanz marginalisierter Stimmen gerade auch in einem elitären künstlerischen Raum zu unterstreichen.
Die Projekte von TFT reaktivieren historische Erinnerungen, um sich gegen die Auslöschung durch den Staat zu wehren, um marginalisierten Gemeinschaften, deren Stimmen am stärksten ignoriert werden, Gehör zu verschaffen, und um zu Empathie und Selbstermächtigung durch Dialog aufzurufen. Politisch und philosophisch vertritt das Kollektiv die Überzeugung, dass Größe kein Maßstab für Wirkung ist, wie schon ein Funke verdeutlicht: Selbst die kleinste Flamme kann eine ganze Landschaft verändern.
Kency Cornejo
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger