Afghanistan, Literatur, 2021, in Berlin

Taqi
Akhlaqi

Foto: Mahdi Habibi

Irgendwann widerfährt es jedem, der in Kabul lebt, zum ersten Mal. Ein Krachen, das die Trommelfelle fast zerreißt und in der Magengrube nachbebt. Was tun, wenn ganz in der Nähe eine Autobombe hochgeht: wegrennen, sich zu Boden werfen? Hören wir, was Taqi Akhlaqi über seine Initiation in den Terror schreibt. „Dieses Geräusch war so laut, neu und andersartig, dass es in mir den Wunsch nach der Entdeckung eines unbekannten Kontinents weckte.“

Ein eigenartiger Reflex. Er fängt etwas von der Kontur des 1986 geborenen afghanischen Schriftstellers ein, von dem erst eine schmale Erzählsammlung in deutscher Sprache vorliegt. Aber Aus heiterem Himmel (2018) vermittelt schon eine Vorstellung von dem Spektrum, in dem sich Akhlaqis Schreiben bewegt. Seine Texte erzählen von Flucht, Exil und roher Gewalt, stellen diese Momente aber immer in eine Perspektive, die den reinen Schockeffekt bricht und dahinter den – für uns – unbekannten Kontinent der Lebenswelt sichtbar macht, in der sich solche Schicksale abspielen. Der Autor leiht dabei auch einem Kind und sogar Tieren seine Stimme; und er schlägt, ungewöhnlich genug, immer wieder Brücken zwischen Afghanistan und Deutschland.

Die Handschuhe etwa, im September 2015 in Kabul verfasst, ist als Echo einer Botschaft zu lesen, die auf ihre Weise „so laut, neu und andersartig“ war, dass die Welt Deutschland neu sehen lernte. Willkommenskultur hieß sie und war zu schön, um auf Dauer wahr zu sein. Für Taqi Akhlaqi ist das aber kein Grund, sich von einer Kultur abzuwenden, in der er eine zweite geistige Heimat gefunden hat – und so schwingt sich am Ende der letzten Erzählung im Band ein Papagei aus Kabul in den Nachthimmel über Frankfurt und rezitiert Nietzsche. Dahinter steht auch eine Portion Selbstironie: Akhlaqi lernte eigens Deutsch, um Also sprach Zarathustra im Original lesen zu können.

Seine erste Begegnung mit Deutschland datiert allerdings weiter zurück. Drei Bände mit Märchen der Brüder Grimm eröffneten dem Zehnjährigen eine neue Welt, in der er seine Fantasie schweifen lassen konnte; später traten Autoren wie Hesse, Brecht und Stefan Zweig, Remarque, Böll und Grass dazu. Werke von Nietzsche und Freud, Viktor Frankl und Hannah Arendt ergänzten den deutschsprachigen Kosmos, um den sich Werke russischer, französischer, angelsächsischer SchriftstellerInnen und anderer VertreterInnen der Weltliteratur gruppierten.

Dieser geistige Weg war alles andere als vorgezeichnet. Taqi Akhlaqi wurde in eine streng religiöse Familie geboren, und als ältester Sohn hätte er, wie es die Tradition gebot, Mullah werden sollen. Mit Mühe – und erst nach einem fünfjährigen religiösen Studiengang – setzte er sich gegen diese Erwartung durch. „Ich glaube, es war mein Glück, dass wir so arm waren“, schreibt er. „Ich vermochte meinen Vater am Ende zu überzeugen, dass ich die Familie besser unterstützen könnte, wenn ich Englisch und Literatur studierte.“ Ein leeres Versprechen war das nicht. Vier weitere Geschwister konnten, nicht zuletzt dank seiner Hilfe, ein Studium absolvieren.

Trotzdem wahrt die Familie Distanz zu seinem Schreiben. „Je weniger sie darüber wissen, desto sicherer sind wir alle“, kommentiert Akhlaqi, und er weiß, wovon er redet: 2012, nach dem Erscheinen seines zweiten Erzählbands in Kabul, wurde er mit Drohanrufen eingedeckt. Seither hat er sich in seiner Heimat weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; seiner scharfsichtigen Zeitzeugenschaft aber tut das keinen Abbruch.

Text: Angela Schader

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