Libanon, Literatur, 2026, in Berlin
Souhaib
Ayoub
Das Land, in dem Souhaib Ayoub gerne leben würde, ist das Land der Bücher. Seine Lieblingsvornamen Gloria und Dibeh sind auch die Namen von Figuren in seinen ersten beiden Romanen. Seine größte Angst ist es, die Erinnerung an seine Heimatstadt Tripolis zu verlieren, die bezaubernde Muse seiner Romane.
Ayoub wurde 1989 an der Nordküste des Landes, in Tripolis, geboren, der zweitgrößten Stadt des Libanons. Als jüngstes Kind einer siebenköpfigen Familie wurde er von seiner Mutter und deren Freundinnen umhegt und umsorgt. Doch als sein Vater Scheich wurde, zog im Haushalt eine strenge Atmosphäre der Enthaltsamkeit ein. Romane, Fernsehen und Musik waren verboten, einzig Koranrezitationen waren erlaubt. Ayoub entdeckte die ägyptischen Filmklassiker, als er in einem benachbarten kinderlosen Haushalt fernsah, und lernte die Diven der arabischen Musikwelt – Fairouz, Um Kalthoum und andere – bei einer anderen Nachbarin kennen. Er lieh sich Bücher aus der Schulbibliothek aus, um die Meisterwerke der arabischen Literatur zu lesen. Letztlich war es aber die intensive Beschäftigung mit den Texten des Koran, die das Fundament seiner Sprachbeherrschung bildete.
Schon mit fünfzehn begann Ayoub, Artikel in lokalen Zeitungen in Tripolis zu veröffentlichen, innerhalb weniger Jahre schrieb er für überregionale und panarabische Tageszeitungen. Seine sprachliche Versiertheit, seine unstillbare Neugier und sein Wissensdurst öffneten ihm die Türen zu verschiedenen Zeitungsressorts, darunter Feuilleton, Panorama und Reportage.
In seinen Anfangsjahren konzentrierte er sich auf Features über Tripolis, wobei er sich zum einen auf persönliche Berichte – mündliche Erzählungen zwischen Fakten, Gerüchten und Mythen – zum anderen auf fundiertere dokumentarische Quellen stützte. Er sammelte Spuren, die von den wiederholten Transformationen der Stadt zeugten, und reiste dabei rückwärts durch die Zeit von den Bürgerkriegen zur Gründung der Republik und sogar bis in die Ära der Osmanen und Mamelucken. Sein Auge für das kulturelle, ethnische und soziale Mosaik, das das Gefüge der Stadt ausmacht, offenbarte ihm deren Licht- und Schattenseiten. Die feinen Details, mit denen er die Schauplätze seiner Romane beschreibt, beruhen aller Vermutung nach auf diesem informellen, über die Jahre aufgebauten Archiv.
Als er anfing, für panarabische Tageszeitungen zu arbeiten, zuerst für al-Hayat (mittlerweile eingestellt) und später für Al-Sharq al-Awsat, zog Ayoub nach Beirut. 2013 begann er die Arbeit an seinem ersten Roman Rajul min sâtân (Der Satinmann), zog zwei Jahre später nach Frankreich und veröffentlichte ihn dort 2019 mit großem Erfolg. Vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen den Bürgerkriegsmilizen erzählt der Roman die Geschichte von Nabil, einem Mann, dessen Mutter die berühmt-berüchtigte jüdische Sängerin Gloria Mizrahi aus Tripolis gewesen sein könnte. Sein Vater war Muslim. Nabil ist zwar verheiratet und hat drei Kinder, aber er ist queer. Er lernt das Schneiderhandwerk und führt das Atelier der Schneiderin weiter, die ihm seine Fähigkeiten beibrachte, selbst als das Geschäft mit Ausbruch des Krieges einbricht und das Viertel von Unsicherheiten erschüttert wird. Der Roman bewegt sich frei durch die Zeit, springt zwischen den Geschichten von Nabils Vater, Großvater und einer Vielzahl anderer Charaktere und verwebt dabei den allmählichen Niedergang der Stadt von einem bedeutenden Handels- und Politikzentrum zur zweitrangigen Metropole im Norden der Republik, die der absurden, sinnlosen Gewalt des Krieges zum Opfer fällt.
In Ayoubs zweitem Roman, Dhi’b al-‘â’ila (Der Wolf der Familie), erschienen 2024, begegnen wir einem Teenager namens Hassan, dem jüngsten Kind einer armen Familie, die eines Tages von der Mutter verlassen wird. Sie wird nie wieder von sich hören lassen. Kapitel für Kapitel schlängelt sich die Erzählung durch die Zeit – Jahre, Jahrzehnte – bis hin zu Hassans Großmutter in ihrem Heimatdorf in Akkar, einer seit jeher von Armut geprägten Provinz. Es handelt sich um eine Art Chorroman mit Figuren aus Hassans Familie und den Nachbar*innen im Olabi-Gebäude, in dem er lebte. Die Geschichten erzählen von armen Menschen, die es irgendwie schaffen, den grausamen Überlebenskampf, das Patriarchat, die Diskriminierung von Frauen, den Klassismus und den abwesenden Staat zu überstehen – eine Existenz, in der Brutalität und Zärtlichkeit, Notlösungen und Träume von einem anderen Leben miteinander verflochten sind. Ayoub jongliert geschickt mit verschiedenen Genres; mit magischem Realismus, Anspielungen auf Animismus und der gedehnten Melodie der regionalen Umgangssprache stellt er nicht nur die Würde derer wieder her, denen Unrecht angetan wurde, sondern verschafft ihnen auch einen Platz in der Geschichtsschreibung, der ihnen bisher verwehrt wurde.
Rasha Salti
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger