Singapur, Film, 2025, in Berlin
Yeo
Siew Hua
„Es geht einfach darum, etwas anderes auszuprobieren und zu experimentieren, um zu sehen, was dabei herauskommt. Wenn man das als Promiskuität bezeichnen will …“ – Yeo Siew Hua im Gespräch mit dem Redakteur und Produzenten Kent Chan an der Nanyang Technological University in Singapur, 2022
Im August 2018 schrieb Yeo Siew Hua Geschichte, als er als erster singapurischer Regisseur den Goldenen Leoparden des Filmfestivals von Locarno gewann. A Land Imagined handelt vom Verschwinden eines armen Wanderarbeiters auf einer der Mülldeponien im wuchernden Westen des südostasiatischen Stadtstaates und verwandelt sich von neonbeleuchteten Neo-Noir-Anfängen langsam in eine Art Avantgarde-Videokunst – während Yeo seine Ausgangsprämisse in eine komplexe Abhandlung über zwischenmenschliche Beziehungen und Nationenbildung im 21. Jahrhundert überführt.
Kaum einen Monat später war der Name des frisch gekürten Autorenfilmers mit Queen of Hearts, basierend auf einer Geschichte, die er mit dem Showrunner JD Chua entwickelt hatte, wieder in einem Abspann zu lesen – wenn auch in deutlich kleinerem Rahmen. Hier schien Yeo etwas ganz anderes geschaffen zu haben: eine fünfteilige Webserie, die komplett mit Smartphones gedreht wurde. Queen of Hearts ähnelt A Land Imagined allerdings in anderer Hinsicht: in Bezug auf eine vermisste Person (in diesem Fall eine fotogene Influencerin) und die Gesellschaftskritik (die Entfremdung in einer hypervernetzten Welt).
Yeo wird häufig der sogenannten Singapore New Wave zugerechnet, einer Gruppe stilistisch unterschiedlicher Filmemacher, die von Eric Khoo und Royston Tan, deren Namen sich in den 2000er Jahren etablierten, bis zu K. Rajagopal und Anthony Chen im darauffolgenden Jahrzehnt reicht. Der eine oder die andere kennt ihn möglicherweise auch als Mitbegründer von 13 Little Pictures, einem einflussreichen, unabhängigen Filmkollektiv, das er 2009 gemeinsam mit Genregrenzen sprengenden Filmemachern wie Daniel Hui (Demons), Lei Yuan Bin (I Dream of Singapore), Liao Jiekai (As You Were) und Sherman Ong (Flooding In A Time of Drought) ins Leben rief.
Yeo ist jedoch schwer zu fassen. Er wurde 1985 in Singapur geboren, nennt aber seit 2021 Buenos Aires sein Zuhause. Zwar gab er zu, dass sein Sprung auf einen anderen Kontinent vor allem der Liebe geschuldet war (seine Frau ist eine argentinische Filmemacherin), als Künstler profitierte er jedoch ebenfalls. In Argentinien entstand The Once and Future, eine spektakuläre Multimedia-Produktion über die Menschheit, die Natur und künstliche Intelligenz, die durch Yeos dialogfreie Bilder von üppigen Landschaften in Patagonien, lasergestützte Bühneneffekte und eine von Musiker*innen der Berliner Philharmoniker eingespielte Filmmusik angetrieben wird. (Wie es sich gehört, ließ er danach die noir-angehauchte Fernsehserie Deep End auf Mandarin folgen, die er gemeinsam mit Rajagopal produzierte.)
The Once and Future – und vielleicht auch die ähnlich abstrakte und mythische Kurzfilm-Installation An Invocation to the Earth (2020) – scheint Lichtjahre von Yeos erstem Spielfilm In the House of Straw (2009) entfernt zu sein. Dieser raue, dynamische und mehr als zweistündige Film entstand während seines Filmstudiums an der Ngee Ann Polytechnic und beginnt mit der Darstellung des Alltags dreier apathischer junger Männer, die sich eine Wohnung teilen. Inspiriert von der Fabel „Die drei kleinen Schweinchen“ und dem Film Fahrraddiebe sowie stilistischen Anspielungen unter anderem auf Der Zauberer von Oz und Mulholland Drive mutiert der Film langsam zu einem zunehmend surrealen und bisweilen erschütternden Sittengemälde der Mainstream-Gesellschaft Singapurs – angedeutet in einer unglaublichen Montagesequenz der grotesken Skulpturen im Hell’s Museum der Haw Par Villa in Singapur – sowie zu einer Meditation über persönliche und soziale Identität und das Wesen der visuellen Repräsentation an sich.
Anstatt den Erfolg von In the House of Straw auszunutzen, verließ Yeo die Bühne und schrieb sich für ein Philosophiestudium an der National University of Singapore ein. Nach diesem akademischen Umweg, durch den er nach eigenen Angaben ein tieferes Verständnis für kritisches Denken erlangte, machte Yeo seine ersten Schritte in der bildenden Kunst, indem er als Editor für Ho Tzu Nyens Beitrag zur Venedig-Biennale, The Cloud of Unknowing (2011), arbeitete.
Mit The Obs: A Singapore Story kehrte Yeo 2014 zum Filmemachen zurück. Der Film, der von Interviews und Archivmaterial lebt, scheint auf den ersten Blick ein schlichter Dokumentarfilm über eine der angesehensten Independent-Bands des Landes zu sein. Mit seinem Bericht über die Höhen und Tiefen von The Observatory spielte Yeo jedoch auch auf die sozialen und wirtschaftlichen Zwänge an, mit denen Künstler*innen in einer pragmatischen und stark regulierten Gesellschaft konfrontiert sind – eine Debatte, die er zusätzlich in den Vordergrund rückte, indem er für die Produktion des Films auf Crowdfunding zurückgriff.
Es passt vielleicht ganz gut, dass Yeos jüngster Film, der 2024 im Wettbewerb in Venedig seine Premiere feierte, Stranger Eyes heißt. Der Titel ist nicht nur eine wörtliche Anspielung auf die Handlung, die um eine Gruppe von Figuren kreist, die durch die Überwachung des Lebens anderer nach Katharsis und Selbsterlösung suchen, sondern beschreibt auch die kreative Strategie des jungen Cineasten (der geisterhafte Erscheinungen in der virtuellen Welt der Videospiele, Online-Plattformen und Videoüberwachungsanlagen einsetzt) sowie seine eigene Positionierung als jemand, der von draußen ins Innere schaut. Yeo ist ein visueller Archivar von und für die Ewigkeit, in hoch- und populärkulturellen, leichter und schwerer greifbaren künstlerischen Formen.
Text: Clarence Tsui
Übersetzung aus dem Englischen: Good & Cheap Art Translators