China (VR), Musik & Klang, 2026, in Berlin
Shasha
Chen
Im Zentrum von Shasha Chens Praxis, die sie „conceptual (new) music theater“ nennt, steht der Mensch: Körper, Atem, Geste und Aktion bilden das kreative Material, das – gespeist von Themen wie Identität und Migration, Patriarchat und Kolonisierung, Gender und Gewalt – einen political body formt. Körper und Konzepte artikulieren im Zusammenspiel Shasha Chens Verständnis von Musikalität als Handlung und Haltung: „We can only compose the musicality of music“, sagt sie, und: „Musicality is humanity“. Diese zutiefst menschliche Musikalität ist ein vibrierendes und oft fragmentiertes Gefüge, in dem Klang nicht den Ausgangspunkt bildet, sondern nur ein mögliches Resultat ist: „Music happens in between an action and a situation.“
Dieses situation based theater ist eine musiktheatrale, erfahrungsorientierte Variante von situated knowledge – ein Denken, das anerkennt, dass Wahrnehmung und Wissen immer aus konkreten sozialen, kulturellen und historischen Kontexten hervorgehen. Und aus persönlichen Erfahrungen wie jenen von Shasha Chen, die ihre eigene künstlerische Haltung geprägt haben: Aufgewachsen im China der 1980er Jahre, inmitten von Öffnungspolitik, Globalisierungsversprechen und digitaler Beschleunigung, erlebte sie eine doppelte kulturelle Prägung: zwischen traditioneller chinesischer Kultur und westlicher Philosophie, zwischen Klavierunterricht und neuen Medien. Diese Hybridität bildet das Fundament ihres künstlerischen Denkens – ein Leben im permanenten Dazwischen und ein Gefühl, das sie „home of homeless“ nennt: Last und Ressource zugleich für diese transkulturelle Grenzgängerin zwischen Konzeptkunst, zeitgenössischer Musik und Performance Art.
Der Körper ist für Chen Medium, Archiv, Resonanzraum und Austragungsort von Geschichte und Gewalt: „a listening, sounding and performative body“. Dieser political body steht im Zentrum ihrer jüngsten Arbeiten – als „the ultimate battlefield“, auf dem Machtverhältnisse sichtbar, hörbar und fühlbar werden: In fe-mute(male) wird das Innere eines Klaviers zur Metapher für die Gebärmutter: Puls, Atem, Hände und Beine der Performerin werden zu einem „organic piano“ verschaltet. Nicht die einzige Auseinandersetzung mit der politischen Instrumentalisierung des Körpers, die Shasha Chen musikalisiert. Auch identity factory– ein Gemeinschaftsprojekt von Chen und dem bildenden Künstler Qingyuan Wang – kreist um den Körper als technologisch-politisches Konstrukt: Videos, 3D-Sound, Animation und Live-Performance formen einen virtuellen Organismus, in dem Identität reproduziert, fragmentiert und rematerialisiert wird. Der digitale Raum wird selbst zum Körper, dessen Organe – Performer*innen, Screens, Klänge – miteinander interagieren.
Künftig will Shasha Chen verstärkt ortsspezifisch arbeiten. In Berlin fühlt sie sich insbesondere inspiriert durch die materiellen und symbolischen Wunden und Verbindungen des Stadtkörpers: die Mauer als Narbe; die Brücken als Übergänge, die trennen und verbinden. Orte, an denen Körper, Geschichte und Raum sich nahekommen. Genau an solchen Berührungspunkten setzt ihre Kunst an. Sie fragt nicht danach, was Musik ist, sondern was sie bewirkt; sie erkundet, welche Folgen Handlungen haben, wie Situationen entstehen und wie musikalische Erfahrung zu einem zwischenmenschlichen Resonanzraum wird, der das Publikum unmittelbar involviert: „Musicality is humanity.“
Anna Schürmer
ist Ernst von Siemens Musikstiftungsprofessorin an der Freien Universität Berlin und Musikjournalistin.