Portugal, Bildende Kunst, 1972
René
Bertholo
René Bertholo (geb. 1935 in Alhandra, Portugal; gest. 2005 Vila Nova de Cacela, Portugal) kam 1972 mit seiner Frau Lourdes Castro als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (BKP) nach Westberlin. Bertholo gehört zu den wichtigsten Vertretern der Pop Art in Portugal. Der Maler und Bildhauer ist vor allem bekannt für seine kleinen, durch Motoren betriebenen Modelle („Modèles Réduits“, seit 1966) aus gesägtem Metall- und Plexiglas, die um die Urelemente der Natur kreisen: Sonne, Wasser, Wind, das Spektrum des Regenbogens und immer wieder Wolken in ihren unterschiedlichen Formen. In repetitiv-minimalistischen Bewegungen spielen sich in Zeiträumen von bis zu zehn Minuten vertraute Phänomene ab: Ein Sonnenball erscheint und verschwindet am Horizont, Wolken ziehen vorüber, der Schatten zweier Palmen wird länger und kürzer, eine Schiffsboje wird auf den Wellen hin- und hergeworfen. In den teils in Berlin entstandenen mechanischen Arbeiten der frühen 1970er Jahre kommt das Zufallsprinzip durch eine Metallkugel hinzu, die, einmal von Motoren in Bewegung versetzt, die elektrischen Kontakte in einem durchsichtigen Gehäuse durch ihren unvorhersehbaren Verlauf steuert, ähnlich der Kugel in einem Flipperspiel. So kommt zum Beispiel der irreguläre Ritt eines Delphins durch die Wellen zustande (Le Dauphin, 1972), oder sich stets neu überlagernde Wolkenformationen (Nuage à surface variable, 1971–72).
Das BKP zeigte von September bis Oktober 1973 Ein Jahr in Berlin, eine gemeinsame Ausstellung der in Berlin entstandenen Arbeiten von Réne Bertholo und Lourdes Castro. Von Bertholo waren verschiedene Modelle und Schaltpläne seiner „Modèles Réduits“ zu sehen, insbesondere die mechanische Skulptur La mer (1972), deren „Wellen“ durch ein aleatorisches, elektro-mechanisches Programm erzeugt werden, das mit Unterstützung des Instituts für Werkzeugmaschinen an der TU Berlin realisiert worden war. Die Doppelausstellung, zu der ein kleiner Katalog in Form eines Faltblatts erschien, war die erste einer neuen Ausstellungsreihe des BKP, die anstelle einer umfassenden Retrospektive in Form eines unprätentiösen „Arbeitsberichts“ konkret auf die in Berlin entstandenen Arbeiten und Vorhaben eingehen wollte.
Text: Eva Scharrer