Indonesien, Literatur, 2025, in Berlin
Norman Erikson
Pasaribu
Norman Erikson Pasaribu findet ein Zentrum im Dazwischen: durchquert zwischen den Sprachen – Indonesisch, Englisch, Toba Batak – das Unübersetzbare und webt eine Poetik der Entfremdung und der Rückkehr; nutzt zwischen den Genres – Lyrik, Fiktion, Essay, Kritik – das Spekulative als eine Form des Überlebens und der Erfindung; schreibt zwischen den Identitäten – queer, christlich, Toba Batak, Arbeiter*innenklasse, Millenial – die zarte Logik von Trauer, Begehren und Verwandtschaft. Normans Arbeit, die reich an Affekten, Humor und Ironie ist, ist immer neugierig, nie abgeschlossen; sie sucht und hinterfragt, was es bedeutet, mit dem manchmal schönen, oft unbegreiflichen, stets unbeirrbaren Sinn des Lebens klarzukommen.
Norman, 1990 in Jakarta geboren, ist eine der originellsten literarischen Stimmen der internationalen Gegenwartsliteratur. Normans erster Gedichtband, Sergius Mencari Bacchus (2016, engl. Sergius Seeks Bacchus, übers. von Tiffany Tsao, 2019) gewann den ersten Preis bei der renommierten Jakarta Arts Council Poetry Manuscript Competition, kam ins Finale beim Khatulistikwa Literary Award for Poetry und erhielt einen PEN Translates Grant für die englische Übersetzung. Die Kurzgeschichtensammlung Cerita-Cerita Bahagia, Hampir Seluruhnya (2020, engl. Happy Stories, Mostly übersetzt von Tiffany Tsao, 2023) wurde mit dem Republic of Consciousness Prize ausgezeichnet und schaffte es auf die Longlist des International Booker Prize. 2024 veröffentlichte Norman mit My Dream Job eine erste Gedichtsammlung auf Englisch, ein Buch, das der Dichterin Bhanu Kapil zufolge „…die Ausgangsbedingungen der Erinnerung umkehrt und anschließend rotieren lässt, um eine sorglos-surreale Logik auszustrahlen“.
In Normans Schreiben treiben Spekulation und Fantasie die soziale und spirituelle Kritik voran, geprägt von trockenem Humor und erschütternder Klarheit. Geister toter Vorfahr*innen, Parallelwelten mit alternativen Enden, mythische Archetypen von Liebe und Rache überlisten die Unmöglichkeit des Seins; sie versprechen eine lebensverändernde Atempause und Beistand, eine Pause, in der sich die Frage stellt, was real ist, was eingebildet ist und ob das überhaupt von Belang ist. In Normans Arbeit mischen sich Elemente aus Science-Fiction, Prosagedichten, postkolonialer Kritik, Popkultur und Romantik mit solchen aus klassischer Literatur, indonesischer Geschichte und der Bibel – um zu irritieren und zu faszinieren.
In Normans jüngster Sammlung My Dream Job findet sich mit dem Gedicht „Ode to Job“ ein besonders packendes Moment. Das schräge Wortspiel zwischen dem Substantiv „Job“ und dem Namen der biblischen Figur aus dem Buch Hiob durchzieht das gesamte Werk und bildet eine spielerische Öffnung, die unsere Wahrnehmung der Realität sowie unsere emotionalen Reaktionen auf die Gedichte kaleidoskopartig bricht.
„Ja, ich weiß, dass es mein Job ist, krank zu sein.
Es ist nicht nötig, einen Propheten zu schicken, um sicherzustellen, dass
ich mich erinnere. (…)
Ich bin schlecht im Kranksein. Meine süßlichen Tränen hüpften
immer wieder in die Messbecher und veränderten so das Rezept.
In der Pause machte ich ein sabberndes Nickerchen und träumte von einem epischen Gedicht über einen Urlaub in Griechenland. (Was für ein Gedicht. SO FRECH.)
Die Türklingel läutete, weckte mich auf.
Der Kundschaft ein Stück Kuchen reichend – mir –
beschloss ich, das Gedicht ‚Huibert‘ zu nennen.Unseren eigenen Ausscheidungen Namen zu geben, ist unsere Zukunft nach TikTok.
Ich hatte eine Sommerromanze mit einer besonderen Person namens ‚Huibert‘!
Geh und sei sparsam mit dem Nervenkitzel. Ich werde alle Küsse selbst doubeln.“
Hier existieren Kuchen, Prophezeiungen und Exkremente ebenso wie die Sehnsucht nach Intimität und die Absurdität von Arbeits- und Lebensbedingungen einträchtig nebeneinander her. Für Norman ist es ganz natürlich, aus Widersprüchen und Absurditäten wilde Traumlandschaften zu erschaffen, die eine lyrische Zärtlichkeit in sich bergen, die jegliche Diskrepanzen miteinander verbindet.
Als Übersetzer*in und Herausgeber*in tritt Norman für ein neues Schreiben aus Indonesien ein, das eine optimistische Zukunft feministischer, queerer und indigener Literatur aufzeigt. Unermüdlich setzt Norman sich für die Sichtbarkeit von minorisierten Schriftsteller*innen ein, insbesondere im globalen Süden, und übersetzte unter anderem eine kaum bekannte Kurzgeschichte des papuanischen Schriftstellers Topilus B. Tebai. Wer je das Vergnügen hatte, sich mit Norman in einem Raum zu befinden, sieht sich einem Engagement gegenüber, das über eine künstlerische Vision hinausgeht: In der Arbeit und im privaten Leben kennt Norman keine andere Art des Seins, als durch Sprache und Handeln ständig neue Geografien zu erschaffen, in denen alle leben, sich kreativ betätigen und nicht nur ein faires, sondern ein durch und durch angenehmes Leben führen können.
Norman Erikson Pasaribu lebt mittlerweile zwischen Berlin und Bali und schreibt, übersetzt, unterrichtet und trinkt Matcha-Latte mit Freund*innen.
Text: Dasom Yang
Übersetzung aus dem Englischen: Good & Cheap Art Translators