Polen, Bildende Künste, 2022

Małgorzata
Mirga-Tas

Małgorzata Mirga-Tas, Polnischer Pavillon, 59. Biennale Venedig, Installationsansicht (Detail) Foto: Daniel Rumiancew

„Soll ich diesen Rock jemandem schenken, oder kannst du ihn für deine Arbeit gebrauchen?“, fragte Małgorzata Mirga-Tas’ Mutter oft. Die Collagen der Künstlerin entstehen aus Stoffteilen, sie „wirft das Material in das Gemälde“, wie sie es selbst formuliert. Viele der auf die Leinwand genähten Stücke stammen direkt aus den Kleiderschränken der Abgebildeten. Sie zeigen Gebrauchsspuren und schaffen feministische Erzählungen über „hellsichtige Menschen und deren Charakter“.

Mirga-Tas wurde 1978 in Zakopane in Polen geboren und absolvierte die Akademie der Bildenden Künste in Krakau. Sie lebt in einer Roma-Siedlung in Czarna Góra in der Tatra, wo sie auch als Pädagogin und Aktivistin arbeitet. Ihre farbenfrohen Patchworks, Skulpturen und Collagen zeigen oft Szenen aus Roma-Gemeinschaften: gefühlvolle Lebensgeschichten von Frauen, manchmal auch Kinder oder Tiere, seltener Männer.

Handarbeit spielt bei ihr eine große Rolle. Die Nadel mit ihrer magischen Kraft wird – wie Louise Bourgeois sie beschrieb – „benutzt, um Schäden zu reparieren. Sie steht für einen Aufruf zur Vergebung“. In ihren Patchworks bessert Mirga-Tas oft symbolisch das Beziehungsgefüge der marginalisierten Roma im Gewebe der europäischen Gesellschaften aus. Ihre Praxis deckt sich mit den Recherchen von AkademikerInnen und KünstlerInnen, die gezeigt haben, dass die Kultur dieser größten europäischen Minderheit (von zwölf Millionen Menschen) durchaus Einfluss auf die Gesellschaft haben kann und ihr nicht nur ausgeliefert ist. Sie entwirft ein Bild der Roma als Proto-EuropäerInnen, als mehrsprachige, transkulturelle und gewaltfreie Gruppe, die Konventionen neu gestaltet und Vorstellungswelten dekolonisiert.

Das Werk von Mirga-Tas ist auch eine Form von Kunst als Versöhnung zwischen gehobener, professioneller Kunst und ihren volkstümlichen Quellen. In Anlehnung an Lucy Lippards Überlegungen zu Kunsthandwerk und Feminismus betrachtet Mirga-Tas alle Künste als Produkte eines kreativen Impulses, der „ebenso sozial bedingt wie persönlich notwendig“ ist.

Mirga-Tas bezeichnet sich selbst als Feministin, die einen Minderheiten-Feminismus verficht, obwohl, wie sie mir sagte, „viele Frauen in meinem Umfeld diesen Begriff mit Misstrauen betrachten“. Laut der Soziologin Ethel C. Brooks trennt der Minderheiten-Feminismus Frauen nicht von ihrem jeweiligen Hintergrund, sondern arbeitet aus einem spezifischen Kontext heraus, auf lokaler wie struktureller Ebene. Mirga-Tas’ Praxis der Schwesternschaft und ihre Verwurzelung in der Roma-Identität manifestieren sich zuerst als ortsgebundene Ideen, bevor sie zu theoretischen Konzepten werden. Bei unserer gemeinsamen Arbeit am polnischen Pavillon auf der 59. Venedig Biennale wurde mir klar, dass Mirga-Tas eine Künstlerin ist, die ich in einer Weise ganzheitlich orientiert ist, wie es sonst kaum erlebt habe. Man baut unmittelbar eine Verbindung zu ihren Arbeiten auf, die gleichzeitig eine vielschichtige Tiefe bergen. Sie webt eine neue textile Grammatik, voller interkultureller Fäden, Patchwork-Familien, Second-Hand-Gebrauch und Netzen der Interdependenz. Dabei passt nicht immer alles zusammen, und das muss es auch nicht. Die Nähte bleiben sichtbar.

Text: Joanna Warsza
Übersetzung: Anna Jäger

  • Małgorzata Mirga-Tas: Re-Enchanting the World
    Małgorzata Mirga-Tas

    2022, Katalog

    Katalog erschienen anlässlich der Ausstellung im Polnischen Pavillon auf der 59. internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia 2022.
    In polnischer und englischer Sprache, mit Essays von Ali Smith, Damian Le Bas und Ethel Brooks sowie Gedichten von Teresa Mirga und Jan Mirga. Gefördert durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD mit Mitteln des Auswärtigen Amtes.

    Małgorzata Mirga-Tas ist 2022 Fellow des Berliner Künstlerprogramms.

    Katalog hier zum Download

zum Seitenanfang