Frankreich, Film, 2026, in Berlin
Malaury
Eloi Paisley
In jeder Stadt leben Menschen, deren Existenz uns allen zwar bewusst ist, die wir aber kaum wahrnehmen. An den Rand gedrängte Menschen, häufig ohne regelmäßige (oder überhaupt irgendeine) Arbeit, meist ohne festen Wohnsitz, manchmal von einer Drogenabhängigkeit oder psychischen Erkrankung gezeichnet. Zusammengenommen stellen sie das dar, was Politiker*innen als soziales Problem bezeichnen würden, das stets aufs Neue gelöst werden muss. Wenn wir ihnen als Individuen auf der Straße begegnen, erwecken sie meist unser Mitgefühl, ein hilfloses Mitleid, mehr aber auch nicht.
Die Menschen, die in L’homme-vertige: Tales of a City, Malaury Eloi Paisleys Debütfilm aus dem Jahr 2024, auftreten, leben zwar am Rande von Pointe-à-Pitre, der im Titel gemeinten Stadt, stehen jedoch im Fokus der Kamera. Pointe-à-Pitre, die Verwaltungshauptstadt des kleinen karibischen Archipels Guadeloupe und Heimatstadt von Eloi Paisley, ist Schauplatz eines Films, dessen Protagonist*innen nicht einfach nur bedauernswerte „Obdachlose“ wie in anderen Städten sind, sondern Menschen, die gleichsam von der Geschichte vergessen wurden.
Vergessen nicht zuletzt in dem Sinn, dass sie von einem Ort kommen, den man als vergessen bezeichnen könnte. Guadeloupe geriet 1653 unter französische Kolonialherrschaft und verschaffte, ebenso wie der Rest der Französischen Antillen, der französischen Metropole jahrhundertelang einen unermesslichen Reichtum, erwirtschaftet von einer brutal agierenden Zuckerindustrie, die von der Arbeit afrikanischer Versklavter angetriebenen wurde. Als die Ära des Zuckerrohrwohlstands zu Ende ging und ihre Arbeitskraft nicht mehr benötigt wurde, wurden sie 1848 befreit, ohne für ihre Unterjochung oder ihre unbezahlte Arbeit, geschweige denn für die schwerwiegende Verletzung ihrer Würde und die Verschleppung aus dem Land ihrer Vorfahren entschädigt zu werden. Auch 1946, als Guadeloupe ein französisches Übersee-Département wurde, änderte sich materiell wenig. Auf dem Papier hatte es zwar ab diesem Zeitpunkt den gleichen Status wie ein Département in der französischen Metropole, in Wirklichkeit wurde nichts für seine Entwicklung unternommen und die Ungleichbehandlung setzte sich fort – letztlich blieb es eine Kolonie, nur unter anderem Namen.
Diese schreckliche Geschichte wird in L’homme-vertige nur selten direkt thematisiert. Eloi Paisley ist nicht an der aufgeblasenen Didaktik von Geschichtslektionen interessiert, sondern an den Menschen. Für sie ist das Medium Film eine Art vorgeschobener Grund, um Menschen kennenzulernen und eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Mit ihrem suchenden Ansatz gelingt es ihr, deutlich zu machen, dass diese Nachkommen von Versklavten zwar von der Geschichte vergessen worden sein mögen, sie diese aber auch verkörpern. L’homme-vertige – eine Wortneuschöpfung: wörtlich „Schwindelmensch“ – ist ein Zeugnis dieser Menschen, die lebende Beweise für Jahrhunderte der Ausbeutung, Unterdrückung und Vernachlässigung sind. Es beschreibt Menschen, die oft mit manischer Raserei am Abgrund der Geschichte tanzen, sich aber weigern, hinabzustürzen und sich verloren zu geben.
In diesem Tanz ist Eloi Paisley eine radikal einfühlsame Tanzpartnerin. Der Film mag zwar als Alibi fungieren, ein bloßes Nebenprodukt ist er aber nicht. Er stellt sich der Herausforderung, eine eigene cineastische Form zu finden, um das Leben jener Umherschweifenden einzufangen, die einerseits im wörtlichen Sinne kontinuierlich in Bewegung sind und andererseits unverändert bleiben: Kinese und Statik in einem. L’homme-vertige orientiert sich stark an der haitianischen literarischen Strömung des Spiralismus, die narratives Chaos als angemessene Antwort auf eine von Brüchen und Wiederholungen geprägte karibische Geschichte versteht. Aus der sechsjährigen Arbeit an diesem Film destilliert Eloi Paisley etwa neunzig Minuten, in denen sie das Publikum wieder und wieder in eine (Nicht-)Erzählung des Wanderns, Beobachtens und Bezeugens versetzt.
Natürlich ereignen sich im Film auch Dinge. In einer maroden Stadt werden verfallene Wohnblocks abgerissen, nachdem die jahrzehntelange Gleichgültigkeit Frankreichs zu einer Verwahrlosung des urbanen Raums geführt hat. Es kommt zu einem Großbrand, einer weiteren Folge dieser vorsätzlichen Vernachlässigung. Und inmitten all dieses Verfalls und dieser Zerstörung entsteht eine neue Bewegung: die Union populaire pour la Libération de la Guadeloupe (UPLG), eine kleine, aber zunehmend sichtbare Unabhängigkeitsbewegung.
L’homme-vertige stellt die UPLG wohlwollend dar, ohne jedoch Propaganda für sie zu betreiben. Ganz gleich, wie Malaury Eloi Paisley selbst zur Unabhängigkeit Guadeloupes steht – eins weiß sie ganz genau, und das wird in der Schlussszene des Films deutlich: Wir werden niemals wirklich frei sein, wenn wir nicht verstehen, was uns unsere hommes– und femmes-vertige, unsere wandernden Prophet*innen, zu sagen haben. Da sie das Gewicht der Geschichte verkörpern, könnten sie auch der Schlüssel sein, sie zu überwinden.
Jonathan Ali,
Filmkurator aus London, ist Programmdirektor des Third Horizon Film Festivals in Miami und Programmgestalter des Open City Documentary Festivals in London.
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger