Schweden, Musik & Klang, 2026

Khabat
Abas

Foto: Trapp

„Das Instrument“, so der US-amerikanische Sopransaxofonist Steve Lacy, „ist die Essenz, das Material: dein Stoff“. Seine Feststellung bietet einen erhellenden Zugang zum Werk der kurdisch-irakischen Cellistin Khabat Abas. Die Komponistin, Improvisatorin und Klangkünstlerin beschreibt sich selbst als eine Entdeckerin „des Moments und seiner Umgebung, in der ich mich befinde“. Dabei ist ihr Thema, das sie ihr ganzes Leben lang erkundet hat, ihr Instrument, das Cello.  

„Mein Weg in die Tiefen der Musik begann, als mein Vater für mich eine Geschichte über ein Mädchen schrieb, das von einem Cello mit goldenen Saiten und farbenfrohen Klängen träumte. Meine Erfahrung war allerdinge eine ganz andere: Meine Realität waren rostige Saiten. Von da an glich mein Leben dieser Geschichte.“ 

„Mein Konzept“, sagt sie, „gründet in meinen Erfahrungen mit dem Cello. So wie sich meine Beziehung zu diesem Instrument entwickelt, verändern sich auch meine Technik und mein Stil. Mein Fokus verlagerte sich von der Technik hin zur Erforschung, welche Klänge ich erzeugen kann.“ Mit diesem Wissen ausgestattet, ist leicht nachvollziehbar, wie Abas, die inmitten von Krieg und Konflikten in Sulaymaniyah im Nordosten des Irak aufgewachsen ist, das Cello nutzt, um ihre persönliche Biografie und geopolitische Realitäten gleichermaßen zum Ausdruck zu bringen. 

Im Zuge ihrer Erkundungen unternahm sie vielfältige Modifikationen an ihrem Cello: Sie überzog es beispielsweise mit einem Gitternetz aus Sicherheitsnadeln als Verweis auf ihre Mutter, die als Näherin Geld hinzuverdienen musste, oder formte aus einem Bombengehäuse, das sie 2019 auf einem Basar in Sulaymaniyah gefunden hatte, einen Cellokorpus: „In Form eines Cellos konnte das Material der Bombe durch verschiedene Länder reisen, was sonst nicht möglich gewesen wäre. Das macht deutlich, wie sich die Gesellschaft der Macht eines Cellokörpers fügt, ohne Fragen zu stellen.“ 

Solche Überlegungen scheinen weit entfernt von ihren Anfängen als Berufsmusikerin, als sie Beethoven und Mozart in der Cellogruppe des Iraqi National Symphony Orchestra spielte. Doch Abas betont, dass diese prägenden Erfahrungen, zu denen auch spätere Studien in Schweden und ihre Mitwirkung im Göteborgs Akademiska Symfoniorkester gehören, sie noch immer bei der Erforschung ihres Instruments antreiben: „Die Routine des Orchesterlebens empfand ich zunehmend als einschränkend. Also begann ich zu improvisieren und das Instrument selbst genauer zu untersuchen: Was wäre, wenn sich das Material des Cellos ändern würde? Wie würden sich der Klang und meine Beziehung zu ihm verändern?“ 

Eine ihrer Bearbeitungen trägt den Titel Knot. „Dieses Präparieren der Saiten geht auf die Erfahrungen zurück, die ich im Kriegsgebiet Kurdistan-Irak machte, als ich das Cellospielen lernte. Sie steht für die pragmatischen Anpassungen, die aufgrund des internationalen Handelsembargos notwendig waren. Wir hatten keinen Zugang zu Materialien und mussten unsere gerissenen Saiten reparieren, indem wie sie wieder zusammenknoteten. Also begann ich, mein Cello auch so zu modifizieren, um die Klänge wiedergeben zu können, die Teil meines täglichen Lebens waren.“ 

Abas komponierte das Werk Beethoven in Baghdad für Musiker*innen, die ihre Instrumente mit verknoteten Saiten spielten. Die Arbeit „zeigt, wie sich die Musik unter Druck verändert, so wie auch ich mich verändern musste“. Abas’ Konzepte sind präzise, weil sie aus gelebten Erfahrungen entstehen. Aus diesem Grund klingt die Musik, die aus ihnen hervorgeht, so eindringlich und fesselnd.  

Seit 2018 lebt sie in London, wo sie eng mit Musiker*innen aus den Bereichen freie Improvisation und experimentelle Musik zusammenarbeitet. 2016 lebte sie schon einmal in Berlin, wohin sie als Fellow des Berliner Künstler*programms des DAAD zurückkehrt. Dieser Aufenthalt gibt ihr Zeit und Raum, ihre Erkundungen zu vertiefen, denn, wie sie betont, „erneuert sich meine Beziehung zu meinem Instrument ständig, wenn ich mit alten Traditionen breche und neue Klänge in neuen Kontexten mit dem Cellokorpus erforsche.“ 

Tony Herrington 
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger 

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