Paraguay, Film, 2026, in Berlin

Juanjo
Pereira

Foto: courtesy of the artist

Asunción, Paris, Dubai, Buenos Aires – wie viele Künstler*innen seiner Generation scheint Juanjo Pereira, der 1994 in Asunción in Paraguay geboren wurde, überall gleichzeitig zu sein. Er kommt und geht, ein globaler Nomade, der sich zwischen den verschiedensten Orten auf diesem riesigen, und doch geschrumpften Planeten bewegt. Pereira pendelt zwischen Stipendien, Fördermitteln und Antragspräsentationen, Seminaren, Workshops, Labs, Residenzen und Talenten an Orten, die sich nicht nur in ihrer geografischen Lage unterscheiden, sondern auch wirtschaftlich, politisch, sprachlich und kulturell. Vor nicht allzu langer Zeit hätte eine solche Mobilität noch als Privileg gegolten – für Pereira ist sie weniger Luxus als Notwendigkeit. Er reist, um zu arbeiten, und Arbeit, besonders für einen Künstler aus Paraguay, findet sich fast immer anderswo. 

Obwohl er jung ist und noch kein umfangreiches Werk vorzuweisen hat, zeugen seine fünf eindringlichen Dokumentarfilme von diesen Umständen, die die Gegenwart bestimmen. Es handelt sich um einfache Filme – kurz, geringes Budget, hybrid –, die die Kontexte, Gegebenheiten und institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen sie produziert wurden, nicht verbergen. Mehr oder weniger explizit dokumentieren sie eine instabile, fragile Art des Filmemachens, die von Eventualitäten geprägt ist, die sich der Kontrolle der Beteiligten entziehen und bei der Autonomie nie eine selbstverständliche Voraussetzung ist, sondern – höchstens – eine hart erkämpfte Errungenschaft. Diese Form der Ungewissheit ist jedoch alles andere als ein Hindernis. Für Pereira wird sie zur Ausgangsbasis, aus der sich ein äußerst persönliches Œuvre entwickelt, das eklektisch und doch entschlossen ist und praktisch jeder Situation entspringen kann. In allem kann ein Samen für eine audio-visuelle Arbeit liegen. Allgegenwärtige Präsenz sowie ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt und für greifbare Chancen sind unverzichtbare Werkzeuge für einen zeitgenössischen, global agierenden Künstler. Pereiras Filme entstehen aus der stets unvorhersehbaren Begegnung zwischen einem bestimmten Moment und dem Wunsch, zu betrachten, zu staunen, zu verstehen. 

Die Stadt ist zweifellos das bevorzugte Sujet seiner Arbeiten. Ob lateinamerikanische Großstädte wie Asunción oder Buenos Aires, symbolische Mythen der Moderne wie Paris oder urban-kapitalistische Allianzen wie Dubai, immer wieder taucht die Stadt in seinen Filmen als eine Maschine auf, die unermüdlich Kräfteverhältnisse erzeugt, vervielfältigt und verändert. Und wenn es einen zentralen Begriff in Pereiras Vokabular geben sollte, dann ist es „Anspannung“. Selbst in ihren poetischsten oder kontemplativsten Momenten sind seine Filme von einer Unruhe, einem Versprechen, einem unheilvollen Warten durchdrungen. Möglicherweise entspringt diese Anspannung einem einzigen, ununterbrochenen Staunen: Wie hält alles zusammen? Wie kommt es, dass eine Stadt und eine Gesellschaft bestehen und zusammenhalten können, obwohl sie von Verfall, Gewalt, Gleichgültigkeit, Vergänglichkeit und Vergessenheit durchdrungen sind? 

Unabhängig davon, welches Format seine Filme annehmen – Essay, visueller Haiku, Ich-Erzählung, dokumentarischer Archivfilm –, versucht Pereira, die verborgene Spannung aufzudecken, die allem zugrunde liegt, was wir sehen. Das beginnt bereits mit der Variante, die seine eigene Kunst prägt: die Spannung zwischen Möglichkeit und Form. Darüber hinaus wird auch seine audiovisuelle Poetik von der Spannung zwischen Bild und Ton strukturiert. Film wird hier zum Gradmesser der Welt. Pereira untersucht die Spannung zwischen Zerfall und Schönheit, Realismus und digitaler Simulation (Testigos en tensión / Witnesses in Tension, 2020); zwischen urbaner Färbung und chromatischem Affekt (Los pequeños eventos en gris medio / Small Events in Medium Gray, 2019); zwischen Nähe und Distanz (in den beiden parallelen Leben in Pokhot, 2017); zwischen Geologie und Utopismus, analoger Darstellung und digitaler Simulation (El futuro imposible / The Impossible Future, 2021). Und schließlich interessiert ihn die Spannung zwischen Archiv und Geschichte, dem dokumentarischen Bild und der historischen Bedeutung, wie sie in dem Spielfilm Bajo las banderas, el sol (Under the Flags, the Sun, 2025) inszeniert wird, einem Experiment in politischer audiovisueller Archäologie, in dem Pereira anhand von Archivbildern die Geschichte des 35-jährigen Regimes von General Stroessner in Paraguay rekonstruiert, das als die längste Diktatur in Lateinamerika gilt. 

Spannung birgt zweifellos Gefahr. Daher bewegen sich diese kleinen, klarsichtigen Filme oft an der Grenze zur Trostlosigkeit und Katastrophe. Wenn Pereira aber nicht naiv ist, warum beklagt er sich dann nicht? Warum schlagen seine Filme nicht Alarm? Vermutlich liegt es daran, dass ihnen Geduld und Neugier innewohnen – zwei Eigenschaften, die sich nicht immer miteinander vereinbaren lassen – sowie an der intensiven, hoffnungsvollen Sehnsucht, die Geburt dessen zu beobachten, das wir noch nicht sehen.  

Alan Pauls 
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger  

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