Argentinien, Musik & Klang, 2026

Javier Areal
Vélez

Foto: Ale Held

Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, lud mich Javier Areal Vélez ein, als Bassist bei COSO einzusteigen, einem Post-Punk-Trio, das Zuckungen einer von Noise getriebenen Klanggewalt mit mikromathematischen Kompositionen, die an Xenakis erinnern, kombiniert. Mit ihren kompakten, zwölfminütigen Auftritten zerstörte COSO zwei Mythen gleichzeitig: Punkmusiker*innen lassen nicht zwangsläufig Virtuosität vermissen, ebenso wenig ist experimentelle Musik zwangsläufig hermetisch, elitär oder langweilig. Rückblickend lag die musikalische Kraft nicht nur in dem, was wir spielten, sondern auch in der ungewöhnlichen Schnittstelle zwischen den abstrakten, manischen Kompositionen und der spezifischen Materialität jedes Auftritts. Eine Reihe von Wechselwirkungen zwischen Abstraktionen und Materialien – zwischen Menschen, Maschinen und Räumen – zeichnete sich immer deutlicher ab und tauchte auch in Javiers späteren Erkundungen wieder auf.

Javier arbeitete viele Jahre als Kulturmanager, gründete die Reihe RUIDO für experimentelle Musik, die er noch immer betreut, und koordinierte das Centro de Arte Sonoro/Sound Art Center – CASo. Als Musiker war es seine Spezialität, die E-Gitarre unkonventionell einzusetzen. In seiner derzeitigen künstlerischen Arbeit wiederum überlässt er autonomen Robotern die strukturelle Kontrolle. Dabei wird der Mensch Teil eines biomechanischen Gefüges – nicht als Träger eines spezifischen Ausdrucks, sondern als Vermittler zwischen unterschiedlichen Kräften. Auch wenn Javier den Roboter programmiert hat, verleiht ihm das keine Kontrolle über dessen Entscheidungen. Er hat lediglich die Möglichkeit, laufende Prozesse zu unterbrechen, zu beschleunigen oder anzuhalten. In Trifásica (2025) wählt und manipuliert ein digitales System eine Reihe von Samples, während die menschlichen Bemühungen, den Vorgang zu steuern, Umwege und Verzweigungen erzeugen. Durch diese spannungsgeladenen Aushandlungsprozesse entstehen unerwartete musikalische Formen.

In Corriente Parásita (2025) koordiniert der Roboter ein riesiges Netzwerk aus Elektromagneten und Motoren, die provisorisch in eine spezifische Architektur eingepasst wurden. Das in einem Spannungsverhältnis zum menschlichen Impuls stehende Maschinenhirn reizt die Wirtsstruktur und bringt so deren klangliche Materialitäten und Resonanzfähigkeiten hervor. Der Raum drückt sich gewissermaßen akustisch aus, wird jedoch von einer seltsamen Spezies bewohnt – einem nicht vollständig erkennbaren Organismus, der durch leblose Körper nie gehörte Sprachen spricht.

Maschinengefüge, im Deleuze’schen Sinne, bestehen nicht aus Organen. Sollte ein Fragment organisch erscheinen, so verliert es dieses Merkmal, da es endlos kombiniert werden kann. Dennoch erzeugen die Echos, die maschinelle Automatismen hinterlassen, oft neu entstehende Formen, die auf eine nicht vorhandene Organhaftigkeit hindeuten. Das mutierende Gefüge von Corriente Parásita, Javiers letzter Arbeit vor seinem Aufenthalt im Berliner Künstler*programm des DAAD, ist die akustische Bestätigung dieses Paradoxons: ein Gefüge, das die Wechselwirkungen zwischen parasitärer Maschine und Architektur bis zum Anschlag ausreizt. In dieser Oszillation zwischen mechanischen und materiellen Potenzialen entsteht zeitweise ein organischer Körper, wo keiner existieren sollte – ein Körper ohne Organe, der sich organisch zeigt. Ein anomales Tier, dessen Atem und Wut auch die algorithmischen Spuren offenlegen, die die Mutationen des Systems decodieren und neu anordnen. Gefüge und Organismus gehen in einer klanglichen Topologie ineinander über, in der es schwierig wird, das Lebendige vom Automatischen, die Wiederholung von der Unterschiedlichkeit oder den Hintergrund von der Form zu unterscheiden. 

Leonello Zambón
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger

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