Philippinen, Bildende Künste, 2026, in Berlin

Isola
Tong

Foto: Czar Kristoff J.P.

Wie viele Welten kollidieren in jedem Augenblick? Wie viele Wesen spalten sich bei solchen Zusammenstößen, um sich neu zu formieren und auszubreiten? Wie viele Lebensformen schälen sich innerhalb der weitläufigen, verzweigten Pfade der Waldwelt schließlich aus ihrer Artkonstanz und entwickeln sich als Transwesen weiter, indem sie ihre indigene Prägung aus der Vergangenheit zurückgewinnen und gleichzeitig ihre Kraft als unsere Zukunft entfalten? Mit diesen Fragen setzt sich Isola Tong, eine Waray sprechende, chinesisch-philippinische Transfrau, in ihrer Kunst auseinander, gestützt auf Forschung, theoretische Überlegungen und konzeptuelle Arbeit, insbesondere im Rahmen von Diskursen zu Kunstpraxis, Architektur, visueller Kultur sowie Gender- und politischen Theorien.

Im Sinne der politischen Vision der Intersektionalität verwandelt Isola ihre Kunst in ein Feld, auf dem gemeinsame Lebensräume geschaffen werden. Dabei löst sie verinnerlichte Trennlinien auf und schafft Schnittstellen zwischen Ökologie, Transsein und postkolonialen Geografien, die sich miteinander verflechten, dichter werden und sich aufschichten. Zum breiten Spektrum der Kunstwelt trägt Isola durch die Wiederbelebung und Radikalisierung der Korbflechterei bei – ein Handwerk, das sich zu einem tragenden Element ihrer Kunstpraxis entwickelt hat und eine Möglichkeit bietet, den marktorientierten Kunstkonsum infrage zu stellen und durch den Einbezug indigener Handwerkskunst zu dekolonisieren. In Erweiterung ihrer Praxis bringt sie das Geflecht der Natur zur Aufführung, schafft ein wachsendes Werk aus Bewegtbildern, Kunstinstallationen, Tuschezeichnungen, Skulpturen, Zeichnungen und Performancekunst.

Mit diesem Spektrum künstlerischer Praxis erforscht Isola als Fellow des Berliner Künstler*programms des DAAD die Möglichkeiten einer Transfrau, in Berlin als Künstlerin und Theoretikerin zu leben. Ihre Präsenz in einem solch urbanen Dschungel lässt sich als „ruderal“ bezeichnen, um einen Begriff von Bettina Stoetzer zu verwenden. Sie betrachtet das Leben als disruptive Kraft, insbesondere in den Räumen der Moderne, die meinen, durch Beton und Asphalt die Kontrolle behalten zu müssen. Isola fordert uns auf, Kunst nicht als einen Raum zu betrachten, in dem Eigentumswerte und -wünsche produziert werden oder die Macht kapitalistischer Kontrolle Priorität hat, sondern sich stattdessen auf das Geflecht der natürlichen Umwelt einzulassen und auch Phasen des Verfalls willkommen zu heißen.

In Berlin setzt sie ihre künstlerische Arbeit in einem offenen Atelier fort, das zu einem Ort der Transökologie wird, Solidarität schafft, Zusammenarbeit mit Anwohner*innen ermöglicht und von Gegenseitigkeit getragen wird – nicht zuletzt durch den Besuch botanischer Gärten, biologischer Labore und Archive, verlassener historischer Stätten, von Künstler*innen betriebener Räume sowie queerer und transsexueller migrantischer Communitys. In dieser Transökologie richtet sie sich ein, um aus ihrem Aufenthalt einen Dekolonisierungsprozess zu machen – stets in der Hoffnung den grundlegenden Wert von Demut zu erforschen. Sie betrachtet Kunst aus der Perspektive des Verfalls, der Zersetzung und des Todes als Teil der Metamorphose der Natur, während sie deren Künstlichkeit auflöst und uns gleichzeitig dazu einlädt, eine mögliche, viel organischere Bedeutung und Form von Kunst vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen.  

Jose Mari Cuartero,
Wissenschaftler, Autor und Kurator, ist Assistant Professor am Department of English and Comparative Literature, University of the Philippines Diliman.

Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger  

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