Frankreich / Kamerun, Literatur, 2026, in Berlin
Hemley
Boum
Wie stellt man eine Schriftstellerin vor? Was ist wirklich wichtig und weshalb? Ist es ihr Geburtsdatum? Ihr Geburtsort? Die Städte, die ihr ein Zuhause waren? Die Anzahl ihrer Bücher? Die Literaturpreise, mit denen sie ausgezeichnet wurde? Was Journalistinnen und Buchhändler über sie sagen? Was sie selbst über ihre Romane, ihre Berufung, ihre Inspiration preisgibt? Die von Buch zu Buch wiederkehrenden Motive, wie der Name einer Stadt, eine Figur, ein Wahn? Es ist all das und noch viel mehr.
Hemley Boum wurde 1973 in Douala, einer großen Hafenstadt in Kamerun, geboren. Sie studierte Anthropologie. Auf ihren ersten, 2010 veröffentlichten Roman, Le Clan des femmes, folgten fünf weitere. Derzeit lebt sie in einer Kleinstadt in der Nähe von Paris, in einem Haus, das an einen Wald und einen Bach grenzt. Wenn sie schreibt, nehmen die Landschaften andere Farben und Formen an und fügen sich in die Wälder und Wasserwege nicht nur Kameruns, sondern all der Orte, an denen sie gelebt hat oder die sie erst erfindet.
Sie gilt als die große Autorin des Exils, der verschlungenen Schicksale, der Erinnerung – als eine Autorin, die in jedem ihrer Bücher die Randzonen, die vergessenen Welten, die vergessen Leben beleuchtet. In ihren Texten (ver)webt sie Erzählungen aus der kamerunischen Geschichte, vom Unabhängigkeitskampf oder von den Maquisards, den Widerstandskämpfer*innen im Untergrund. Erzählungen, die Familiensagen entspringen, den Gesten und Worten einer Mutter oder Großmutter, einer verborgenen Intimität, die einzig die Fiktion erforschen kann. Sie gründen in einer politischen Leidenschaft und in den Geschichten derer, die aufbrechen, die kämpfen, die Kamerun an Frankreich, den Süden an den Norden, die Stadt an das Dorf binden – Geschichten, die uns zwingen, unsere Standpunkte aufzugeben und neue Sichtweisen zu suchen.
In ihrem neuesten Roman, Le Rêve du pêcheur (2024) – auf Deutsch 2025 erschienen als Wind, der uns heimträgt – wird Campo, der südlichste Zipfel Kameruns, zum Zentrum der Welt. Ein Fischer stellt sich gegen die Ausbeuter der großen Fischereikonzerne und scheitert. Doch seine Niederlage hinterlässt Zeichen, an die wir uns erinnern, als sein in Paris lebender Enkel nach Kamerun zurückkehrt und sich die eigene Geschichte neu erschließt. Zeit schichtet sich auf Zeit, Schicksale kreuzen sich, Niederlagen sind niemals endgültig. So erfindet Hemley Boum neue Zentren, neue Orientierungen, neue Legenden.
Hemley Boums Geschichten sind unsere Geschichten: Leben, die von Krieg, von kolonialer und neokolonialer Herrschaft, von den Mächtigen vernichtet wurde. Unsere Geschichten werden getragen von den Widerständigen, den Rebellinnen und Träumern, von Männern und Frauen, die den Wert der Zeit, der Geduld, der Erinnerung, der überlieferten Geschichten, der Wahrheiten, die sich verstecken und wieder auftauchen, begreifen. Sie wissen, dass die Tage kommen und gehen. Nichts ist verloren: Die Liebe wird gelebt, Menschen werden geboren, wachsen heran, treiben davon, verlieren sich und kehren zurück – zu einem Land, zu einer Mutter, zu einem Geliebten, zu einer Geschichte, die ihnen gehörte, ohne dass sie davon wussten.
Hemley Boums Romane bewegen uns, bieten uns neue Ufer, die wir in unserer Fantasie bewohnen können, neue Arten der Übertragung mit anderen Codes, anderen von einem magischen Hauch durchdrungenen Ritualen. Alles in Hemley Boums Schreiben ist Bewegung, Metamorphose, Aufruhr, da ihre innere Geografie komplex ist – ebenso wie ihre Lektüre, von Jane Austen zu Toni Morrison, von Ben Okri zu Honoré de Balzac; oder wie ihre Inspiration, wie die Städte, die ihr Herz höherschlagen lassen, wie die Sprachen, von denen sie bewohnt wird. Es geht ihr nicht um irgendwelche Aufträge, Ruhephasen oder vorgefertigte Gewissheiten. Ihre Figuren sind Suchende – nach einem Haus, einem Unterschlupf, einem Ort der Erholung und des Widerstands, der nur ihnen gehört und der unseren unendlich romanhaften Leben entspricht. Die folgenden Worte stammen von der Autorin, könnten so aber auch von Zach und Zacharias, Abi oder Sarah gesagt werden: „Was wird aus den Orten, den Wesen, den Wegen, den Zeiten, die uns heimsuchen? Was wird aus den Leben, die wir nicht leben, den Morgendämmerungen, die uns im Schlaf überraschten?“ Die Antwort steckt im Leben, in der Erinnerung und im Schreiben.
Anne-Sophie Stefanini,
Schriftstellerin und Verlegerin aus Frankreich, veröffentlichte zuletzt den Roman Une femme a disparu, in dem sie von der Entführung einer Lehrerin in Yaoundé, Kamerun, berichtet.
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger