Indien, Literatur, 2025, in Berlin

Geetanjali
Shree

Foto: Diana Pfammatter

Geetanjali Shree ist für ihre innovativen Erzähltechniken, ihre fantasiereiche Sprache und ihre Auseinandersetzung mit Themen wie Erinnerung, Geschlecht, Familie und der komplexen Geschichte Indiens bekannt. In Mainpuri, Uttar Pradesh, geboren, verfolgte sie zunächst eine Karriere als Historikerin, bevor sie sich dem kreativen Schreiben zuwandte. Auf Hindi zu schreiben, war eine radikale Entscheidung, die ihren Glauben an die Lebendigkeit ihrer Muttersprache gegenüber dem von der Bildungselite bevorzugten Englisch spiegelt. Bisher hat sie fünf Romane sowie Kurzgeschichten, Theaterstücke und Essays veröffentlicht, Übersetzungen liegen in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen vor.

Ihr Debütroman Mai (1993, dt. 2010) schildert auf subtile Weise das Leben einer stillen Mutter in einem traditionellen nordindischen Haushalt aus der Perspektive ihrer Tochter. Mit Zurückhaltung und Einsicht untersucht er das emotionale und soziale Gefangensein von Frauen im Patriarchat. Hamara Shahar Us Baras (1998, dt. Unsere Stadt in diesem Jahr, 2023) befasst sich direkt mit den Auswirkungen regionaler Gewaltausbrüche und Unruhen auf Indiens hinduistische und muslimische Intellektuelle, die angesichts persönlicher Bedrohung und einer radikalen Politik gezwungen sind, ihre Zugehörigkeiten neu zu definieren. Die Darstellung einer zunehmend von Überwachungsmechanismen geprägten Universität im Roman sowie die schwindende Macht der Sprache zur Beschreibung rechter Ideologie haben sich als prophetisch erwiesen.

Ihr hochgelobtes Werk Ret Samadhi (2018), unter dem Titel Tomb of Sand 2021 ins Englische übersetzt, erzählt die Geschichte einer 80-jährigen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes nach Pakistan reist, um sich den Erinnerungen an die Teilung Indiens zu stellen und ihre Identität wiederzufinden. Der Roman ist reich an Wortspielen, Geheimnissen, Metafiktion und nicht-linearen Erzählungen und setzt sich über Grenzen zwischen Ländern, Geschlechtern, Generationen und Genres hinweg. Als die englische Fassung 2022 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde, war dies der erste in einer südasiatischen Sprache geschriebene Roman, dem diese Ehre zuteilwurde.

Shrees Texte sind für ihre lyrische Schönheit, Fantasie und Experimentierfreude bekannt. Oft beginnt sie mit einem einzigen Bild – einem Dach, einer Tür oder dem Rücken einer Frau – und webt daraus kunstvolle Szenen, die sich zu einer vollständigen Geschichte entwickeln, die erzählt werden will. Ihre Sprache ist ein elastischer Faden, der Bilder, Figuren und Erinnerungen miteinander verknüpft. Sie spielt mit Worten und Klängen, erfindet neue Ausdrücke und überraschende Sätze.

In ihren Geschichten stehen oft Frauen aller Altersgruppen im Mittelpunkt, die in ihrer Resilienz Grenzen überschreiten. Sie mögen altern, im Sterben liegen, fragil oder von den Folgen von Gewalt und Terrorismus gezeichnet sein – Shree gibt den Stimmlosen eine Stimme: stillen Hausfrauen, hilfsbereiten Freundinnen, Kindern und sogar unbelebten oder nicht-menschlichen Objekten wie Straßen, Türen und Vögeln. Für Shree ist die Sprache ihr Zuhause – ein spielerischer, kreativer Raum, in dem das Geschichtenerzählen zu einem Akt des Ungehorsams und der Entdeckung wird. Ihre Geschichten bieten neue Perspektiven, laden die Leser*innen in unerwartete Welten ein und stellen Konventionen infrage, um neue Sicht- und Gefühlsweisen zu eröffnen.

Text: Justyna Kurowska
Übersetzung aus dem Englischen: Good & Cheap Art Translators

Vergangen

zum Seitenanfang