USA, Literatur, 2026, in Berlin
Elif
Batuman
„Ich werde die, die ich sein soll“, sagt die der Autorin ähnelnde Erzählerin Selin in Elif Batumans Either/Or (2022) – auf Deutsch 2023 unter dem Titel Entweder/Oder in der Übersetzung von Claudia Wenner erschienen –, nachdem jemand einen Scherz darüber gemacht hatte, dass ihr Schwarm aus Ungarn im ersten Studienjahr möglicherweise ein Spion gewesen war, der nach Harvard geschickt wurde, um talentierte junge Frauen zu ruinieren.
In ihrer genreübergreifenden Essaysammlung The Possessed: Adventures with Russian Books and the People Who Read Them (2010, dt. Die Besessenen: Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern, 2011, übers. v. Renate Orth-Guttmann) schreibt sie: „Wenn die Antworten in der Welt oder im Universum existieren, dann, das glaube ich nach wie vor, werden wir sie dort finden.“
Batumans Werk steht in ständigem Dialog mit der Weltliteratur und ist dabei ebenso sehr von der Geografie wie vom Lesen geprägt. Als Tochter türkischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren, lebte sie in den drei Jahren vor den Gezi-Park-Protesten in Istanbul, wo sie unterrichtete und für den New Yorker schrieb, bei dem sie bis heute angestellt ist. Als sie zum Ende ihres Aufenthalts in der Türkei – auf dem Höhepunkt der Proteste – ihre Sachen packt, entdeckt sie in ihrer Wohnung „fünf Schutzhelme, drei Schutzbrillen und zwei Gasmasken“.
Obwohl sie nach ihrer Rückkehr vertraglich dazu verpflichtet war, einen in Istanbul spielenden Roman zu verfassen, schrieb sie stattdessen immer wieder über ihre Zeit auf dem College. Während ihres Studiums hatte sie einen Roman über ihr erstes Studienjahr geschrieben, aber beiseitegelegt. Fünfzehn Jahre später, auf der Suche nach zeitgenössischen Bezugspunkten für ihre strapazierenden Erinnerungen, fand Batuman das Manuskript für ihren späteren Debütroman The Idiot (2017) in der Cloud wieder. Noch im selben Jahr auf Deutsch unter Die Idiotin in der Übersetzung von Eva Kemper erschienen, sollte er zu den Pulitzer-Finalisten zählen.
„Ich hätte gerne gewusst, wie unsere Geschichte ausgehen würde, so, wie man in einem Buch vorblätterte“, schreibt Selin am Anfang von Die Idiotin über ihre E-Mail-Romanze. Da es ihr 1995 als Achtzehnjähriger nicht möglich war, in der Zeit hin- und herzuspringen, begann sie im Schreiben eine Möglichkeit zu erkennen, die Gegenwart zu erweitern, „wie in Tausendundeiner Nacht, die Zeit zu strecken, bis das Nächste geschah“.
Während Trumps erster Amtszeit und des Aufkommens der #MeToo-bewegung befand sich Batuman mit The Idiot auf Lesereise. Zu dieser Zeit stieß sie auf queere Theorie und Adrienne Richs 1980 erschienenen Essay „Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence“ (deutsch: „Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz“, 1983) und schrieb daraufhin die Fortsetzung Either/Or als eine archivarische Untersuchung darüber, warum sie diesen Texten und Ideen nicht schon eher in ihrem Leben begegnet war und warum sie davon ausgegangen war, sie seien nicht für sie bestimmt.
In diesem zum Bestseller avancierten Buch liest Selin Kierkegaard und erklärt das ästhetische Leben zum einzigen, das es wert ist, in einem Roman verarbeitet zu werden. „Wie wäre es, wenn ich das ästhetische Leben als Algorithmus verwenden könnte, um meine beiden größten Probleme zu lösen: wie ich leben sollte und wie ich Romane schreiben sollte. Im realen Leben würde ich so tun, als befände ich mich in einem Roman, und würde dann das tun, was die Romanfigur meines Erachtens tun sollte“, schreibt sie. Hätte Selin doch nur weniger selbstzerstörerische Figuren in all den von ihr verschlungenen Klassikern gefunden, an denen sie sich orientierte.
In kürzlich erschienenen Porträts der französischen Filmemacherin Céline Sciamma und der japanischen Schriftstellerin Sayaka Murata sowie in ihrem Essay „Rereading Russian Classics in the Shadow of the Ukraine War“ verfolgt Elif Batuman weiterhin die sich überschneidenden Erzählstränge von Politik, Literatur und Leben: „Die verborgenen Mechanismen des Patriarchats und des Expansionismus traten plötzlich als zwei Facetten desselben riesigen Apparats hervor.“
Batuman arbeitet derzeit an einem neuen Buch, in dem wir Selin mit fünfundvierzig Jahren als eine Autorin von zwei erfolgreichen College-Romanen treffen, die sich daran macht, das Buch zu schreiben, das bis in die Gegenwart führt.
Nazlı Koca
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Jäger